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Digitaler Kapitalismus - Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit

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Digitaler Kapitalismus

Markt und Herrschaft in der
Ökonomie der Unknappheit
Philipp Staab
edition suhrkamp

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Philipp Staab Digitaler Kapitalismus

Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit

Suhrkamp

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Inhalt

  1. Einleitung: Nach dem Neoliberalismus Tautologische Metapher oder analytische Kategorie? Keine Einheit von Staat und Kapital Konzentration durch Diffusion Schumpeter im Internet Märkte in Privatbesitz Von Wintel zu Gafa Nach dem Neoliberalismus: Die Privatisierung des Marktes Privatisierter Merkantilismus Den digitalen Kapitalismus verstehen
  2. Die Wurzeln des digitalen Kapitalismus Innovation gesucht Automatisierung Globalisierung Militärkeynesianismus, Kommodifizierung, Privatisierung Das ordnungspolitische Element des investiven Staates Ökonomische Makrotrends und der investive Staat
  3. Finanzkapitalismus online Ökonomien der Unknappheit und die Propheten des Postkapitalismus Follow the Money Der Aufstieg des Finanzsektors Historische Filiationen zwischen Finanzwirtschaft und Internetökonomie Digitalisierung in Dollars Der Aufstieg des Risikokapitals Risikokapital in Deutschland Finanzialisierung und Digitalisierung: Aus demselben Holz geschnitzt Unternehmensstrategien: Wachstum und Schließung Hermeneutik der Geschäftsmodelle Sekundärverwertungen und die Kapitalisierung von Zeit Hochfrequenzwetten Marktentwicklungen: Risikodistribution, Exitlogiken und die Arithmetik der Krise Das Erbe der Krise und die Krise als Erbe Exitkapitalismus revisited: Der Duft der Neunziger Spekulation als Geschäftsmodell Von Börsengängen zu Akquisitionen Die Beschäftigten im Exitzyklus Mega-IPOs und die Geopolitik digitaler Märkte Wie kann Uber profitabel werden? Pragmatik der Spekulation Finanzkapitalismus online
  4. Ein System proprietärer Märkte Politische Ökonomie der Digitalisierung Die Demokratie vor dem Kapitalismus retten Vom Fordismus zum Postfordismus Ein neues Akkumulationsregime in the making Die Vermachtung des Internets Vier Kontrollformen Expansion und Schließung Cloud, KI, Fintech – Infrastrukturen proprietärer Märkte Alternativlosigkeit Warum proprietäre Märkte? Proprietäre Märkte und das Problem der Unknappheit Proprietäre Märkte und die Rationalisierung des Konsums Privatisierter Keynesianismus reloaded Marktkontrolle und Rentenextraktion Proprietäre Märkte verstehen
  5. Arbeit im digitalen Kapitalismus Proprietäre Märkte als Vorbild der Restrukturierung von Arbeit Informations- und Leistungskontrolle – einseitige Transparenz Die Lücke schließen Algorithmisches Management: Von den Marktteilnehmern zur Arbeit Unvollständige Kontrolle und geheime Subversion Automatisierte Lohnrepression Der Perspektivhorizont algorithmischer Kontrolle Zugangs- und Preiskontrolle: Einseitige Rechte Dilemmata der Quantifizierung Symbiosen aus Markt- und Beschäftigtenkontrolle Der Reservearmeemechanismus in der digitalen Ökonomie
  6. Privatisierter Merkantilismus, Ungleichheit und Konflikt Privatisierter Merkantilismus Digitale Quellen sozialer Ungleichheit Kommodifizierung öffentlicher Güter Risikokaskaden Marktrenten und die Kommodifizierung von Unknappheit Enteignung von Arbeit Der blockierte soziale Konflikt Protest und Fortschritt Kapital + Konsument vs. Arbeit – Warum eine soziale Bewegung gegen den digitalen Kapitalismus unwahrscheinlich ist
  7. Schluss: Kann es einen digitalen Kapitalismus

europäischer Prägung geben? Die rauchenden Ruinen des Neoliberalismus Lebenschancen als Services Der digitale Kapitalismus chinesischer Prägung Eine digitale Gesellschaft der Anrechte

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Anhang Literaturverzeichnis

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»Wir schmieden dauernd zu viele Pläne und denken dauernd zu wenig nach.« Schumpeter 1975 [1942]

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  1. Einleitung: Nach dem Neoliberalismus

Manche Bücher müssen mehr als einmal geschrieben werden. Als ich vor Jahren begann, mich mit dem digitalen Kapitalismus als bedeutendem Konzept zum Verständnis unserer Gegenwart zu beschäftigen, war mir schnell klar, dass dessen Kern in Prozessen der Konzentration ökonomischer Macht zu suchen sein würde. Wer in etwa mein Alter hat und um das Jahr 2010 begann, sich intensiver mit der Entwicklung des kommerziellen Internets zu befassen, für den erschienen Debatten der neunziger und frühen nuller Jahre, in denen über die Dezentralität und Herrschaftsfreiheit des Internets diskutiert worden war, wie aus der Welt gefallen. Man brauchte nur sein Smartphone in die Hand zu nehmen, um zu merken, dass das Internet nicht nur durch und durch kommerzialisiert war, sondern auch von einer sehr kleinen Zahl sehr großer Unternehmen dominiert wurde.

Etwa zu dem Zeitpunkt, als ich über den digitalen Kapitalismus zu schreiben begann, veröffentlichte der amerikanische Wirtschafts- und Technikhistoriker Dan Schiller sein zweites großes Buch zu diesem Thema (2014). Schiller hatte den Begriff des digitalen Kapitalismus im Jahr 2000 als Erster ins Feld geführt, um Entwicklungen innerhalb der globalen politischen Ökonomie auf den Begriff zu bringen. Für ihn bildet die Diffusion digitaler Technologien in allen Teilen der Wirtschaft einen Metatrend, der ab den sechziger Jahren mit der Restrukturierung des Kapitalismus nach dessen fordistischer Expansionsphase zusammenfällt. Der digitale Kapitalismus, so Schiller, sei in Bezug auf die Größenordnung der Diagnose und deren empirische Relevanz vergleichbar mit dem industriellen Kapitalismus, dessen Expansionsphase vom späten 19. Jahrhundert bis in die sechziger Jahre gereicht habe

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(2014: 8). Danach seien die Basistechnologien aller bedeutenden Innovationen digitaler Natur gewesen. Nicht mehr die
mechanischen Muskeln der industriellen Produktion, sondern die digitalen Netze der Informations- und
Kommunikationstechnologien seien ins Zentrum
kapitalistischer Reorganisation gerückt.

In seinem ersten Buch aus dem Jahr 2000 befasste sich Schiller vor allem mit der globalen Expansion des Informations- und Kommunikationstechnologie-Sektors. Sein Ziel war es nachzuweisen, dass dieser ab den sechziger Jahren das entscheidende Vehikel für die Verteidigung und den Ausbau US-amerikanischer Hegemonie gewesen ist. Durch das Setzen technischer Standards, die Errichtung der entscheidenden Infrastrukturen und die folgende Expansion der US-amerikanischen Kulturindustrie hätten die USA ihre während des Kalten Kriegs systematisch bedrohte Vormachtstellung innerhalb ihrer geopolitischen Einflusssphäre gesichert. Die Leitunternehmen dieser langen Epoche waren zunächst Telekommunikationsunternehmen wie AT&T, die Filmindustrie und in den neunziger Jahren dann das Duo aus Microsoft und Intel (»Wintel«, das Kofferwort steht für mit Windows betriebene Personal Computer mit Intel-Prozessoren).

Die argumentative Grundfigur Schillers lautet, dass diese Unternehmen in zweifacher Hinsicht die weltweite Hegemonie der USA gestützt hätten: Erstens belegten ihre Erfolge, dass amerikanische Unternehmen die entscheidenden Wachstumsmärkte des Postfordismus dominierten, was – ohne dass Schiller dies für näher begründungsbedürftig hält – der geopolitischen Vormachtstellung der USA zugearbeitet habe. Zweitens – hier ist Schiller ganz Sohn seines Vaters, des legendären Medienkritikers Herbert Schiller, der in den Medien das zentrale Instrument der Legitimierung des militärischindustriellen Komplexes seiner Zeit sah (Schiller 1989; 1996) – hätten Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) die Welt mit amerikanischen Medienproduktionen überschwemmt, damit die US-Lebensweise globalisiert und im

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Bereich der Kulturindustrie deren Hegemonie festgeschrieben.

In seinem zweiten Buch zum digitalen Kapitalismus argumentiert Schiller dann noch wesentlich breiter: Nun möchte er zeigen, dass andere Diagnosen zur politischen Ökonomie des Postfordismus in seinem Begriff aufgehoben werden können. Lean Production, Globalisierung oder der Aufstieg des Finanzmarktes – alles basiere auf digitalen Technologien, weshalb der Kapitalismus auch jenseits der IKT-Branchen immer digitaler geworden sei (2014: 6). Es ist die Diffusion bestimmter Technologien in alle Arbeits- und Lebensbereiche, die den Kapitalismus in diesem Bild digital macht.

Tautologische Metapher oder analytische Kategorie?

Für Leser von Schiller wird dabei allerdings immer schwieriger zu erkennen, was eigentlich den Kern dieser vermeintlich neuen Form des Kapitalismus ausmacht: Welchen analytischen Wert für eine Theorie der politischen Ökonomie und Gesellschaft hat beispielsweise der Umstand, dass heutzutage Chips in Autos stecken, ebenso wie in den Maschinen, die die Autos bauen, dass am Finanzmarkt Algorithmen große Bedeutung haben, ebenso wie in Computerspielen, dass immer mehr Menschen an Computern arbeiten und Waschmaschinen sich neuerdings mit dem Internet verbinden können? Als Historiker ist für Schiller diese Frage vielleicht nicht entscheidend. Er folgt einfach den Linien, die ihn aus dem Telekommunikationsbereich im Lauf der Zeit in beinahe alle Teilbereiche von Wirtschaft und Gesellschaft geführt haben. Analytisch manövriert sich Schiller mit dieser Prozessorientierung nicht nur in eine »nominalistische Sackgasse«, wodurch die Verbindung der von ihm beschriebenen Ereignisse zu einer strukturellen Veränderung des Kapitalismus unklar bleibt (Pace 2018: 256). Der analytische Gehalt von Schillers Konzept erscheint am Ende auch