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# Digitaler Kapitalismus - Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit

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Man bekommt das häufig mit bei Exits, wo sich dann später herausstellt, das war dann doch alles nicht so, wie man sich das vorgestellt hat. Oder die Technologie war nicht so stark. Also, bis der Kunde merkt, dass die Technologie irgendwie Schwachsinn ist, kannst du den erstmal noch ein bisschen besänftigen. [...] Das ist natürlich schon ein bisschen kriminell, aber liegt ja erstmal in der Nutzenmaximierung [...] des Verkäufers. [...] Wenn Strategen im Pitch sind, [.….] wird es dann gekauft, und dann kannst du das schon richtig schön pimpen. [...] Die versuchen einen geilen Exit und dann: nach mir die Sintflut. (Staab 2018: 226)

Mega-IPOs und die Geopolitik digitaler Märkte

Kehren wir zu den Marktentwicklungen der finanzialisierten Digitalökonomie zurück: Die relative Zurückhaltung von Investoren und Unternehmerinnen in Bezug auf Börsengänge hängt zum einen mit dem momentan guten Geschäftsklima für Akquisitionen zusammen, das teilweise zu einem Umdenken geführt hat. Gerade in den USA orientieren Start-ups und Investoren ihr Handeln häufig an dem Ziel, von einem digitalen Leitunternehmen oder anderen akquisitionsstarken Konzernen erworben zu werden. Gleichwohl haben die enormen Summen, die seit der Finanzkrise von 2008 in den Sektor gespült wurden, auch zum Entstehen der bereits mehrfach erwähnten Einhörner geführt, deren Zahl sich allein zwischen 2015 und 2019

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weltweit verdreifacht hat. Mit der Einhornherde ist eine Gruppe von Unternehmen entstanden, bei denen Chancen auf Exit durch Akquisition logischerweise immer kleiner werden, je höher ihre Bewertung ausfällt. Mit der Bewertung wächst schließlich auch der Kaufpreis, was notwendigerweise den Kreis potenzieller Käufer einschränkt. Theoretisch kann man sich noch vorstellen, dass Firmen wie Netflix oder Spotify von Google oder Apple gekauft werden – ob eine solche Akquisition ökonomisch sinnvoll wäre, steht auf einem anderen Blatt. Jenseits dieses sehr engen Kreises möglicher Interessenten bleibt Altinvestoren am Ende des Tages als Exitoption dann nur ein Börsengang, wie ihn in jüngerer Vergangenheit tatsächlich mehrere sehr hoch bewertete Startups angestrebt haben – etwa Snap, Dropbox, Spotify, Lyft oder zuletzt das Leittier der Einhornherde, das Ride-Hailing-Unternehmen Uber.

Am Beispiel dieses Steroid-Start-ups und seinem Großinvestor Vision Fund lassen sich gut die Marktdynamiken des Felds veranschaulichen: Lange Zeit kannte Ubers Marktbewertung nur eine Richtung – steil nach oben. Nachdem Uber sich aber in mehreren wichtigen Märkten der wachsenden Konkurrenz lokaler Anbieter und zunehmender politischer Regulierung ausgesetzt sah, kam es Ende 2017 zu einem ersten Downsizing: War Uber in vorangegangenen Bewertungsrunden noch mit rund siebzig Milliarden Dollar bewertet worden, stieg Softbank bei einer Bewertung von lediglich 50 Milliarden ein. Für Ubers Börsengang, der schließlich im Mai 2019 erfolgte, wurde lange Zeit eine Marktbewertung zwischen 100 und 120 Milliarden Dollar kolportiert. Beobachter der digitalen Ökonomie erwarteten dieses IPO mit einiger Nervosität: Uber hat seit seiner Gründung im Jahr 2009 stets gigantische Verluste gemacht; allein in den sieben Quartalen ab Anfang 2017 verzeichnete das Unternehmen ein Defizit von sieben Milliarden Dollar (Richter 2018a). Zudem verfügt es über ein verhältnismäßig leicht zu kopierendes Geschäftsmodell, dessen ökonomische Tragfähigkeit zu allem Überfluss keineswegs erwiesen ist (vgl. Sherman 2017). Angesichts der oben

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angesprochenen Schwierigkeiten setzen Uber und seine Konkurrenten auf die für Internetunternehmen typische Methode der Markteroberung: subventionierten Konsum. Kunden werden mit niedrigen Preisen angelockt, die Entgelte der Fahrerinnen und Fahrer bleiben relativ hoch oder werden durch Anwerbeboni ergänzt, damit möglichst viele Servicekräfte zur Verfügung stehen. Solange die Konkurrenz durch andere Ride-Hailing-Firmen oder traditionelle Taxi-Betriebe besteht, kann Uber weder die Entgelte signifikant absenken noch die Preise erhöhen, schließlich würden Uber-Fahrer und -Nutzer dann einfach zur Konkurrenz abwandern. Auch wegen politischer Maßnahmen lassen sich die »Löhne« in vielen nationalen Märkten nicht beliebig absenken.

Der Weg zu langfristigem ökonomischem Erfolg kann für Uber daher nur über das Monopol führen. (In diesem Fall bestünde natürlich die Möglichkeit eines Einschreitens der Kartellbehörden, ein Szenario, das ich an dieser Stelle allerdings nicht ausführlicher behandeln möchte.) Die Strategie, andere Anbieter in den Ruin zu konkurrieren, ist für das Unternehmen allerdings äußerst kostspielig. Zwar spülte der Börsengang trotz der eher enttäuschenden Bewertung von rund achtzig Milliarden Dollar am Emissionstag rund acht Milliarden Dollar in die Kriegskasse. Damit könnte Uber seine Verluste, bei gleichbleibender Geschäftslage, aber lediglich zwei weitere Jahre ausgleichen.

An genau diesem Punkt wird über den Gigafonds Vision mit Softbank ein einziges Unternehmen systemrelevant. Betrachtet man die Investitionen, die Softbank in den letzten Jahren im Mobilitätsbereich getätigt hat, wirken diese auf den ersten Blick hochgradig anachronistisch: Softbank hat sich nämlich nicht nur 15 Prozent an Uber gesichert, sondern ist gleichzeitig an den Konkurrenten Grab, Ola und dem brasilianischen Unternehmen 99 beteiligt. Seit dem Einstieg bei Uber werden nun 90 Prozent aller weltweit an einem Tag gebuchten Fahrten (rund 45 Millionen) von Unternehmen bedient, die zum Softbank-Imperium gehören (N.N. 2018b). Kurz nach dem Softbank-Investment zog sich Uber im März 2018 überraschend aus dem südostasiatischen Markt zurück. Ähnlich wie zuvor in China und Russland beinhaltete der Deal eine Minderheitsbeteiligung von Uber am dortigen Marktführer.

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Was man hier beobachten kann, ist eine systematische Geopolitik des Kapitals. Das ökonomische Experiment, dessen Ausgang alles andere als gewiss ist, besteht in der geostrategischen Sortierung globaler Wachstumsmärkte – nicht durch konkurrierende Unternehmen, sondern durch gebündelte Strategien solventer Investoren. Deswegen wird erwartet, dass sich Uber in naher Zukunft auch aus Indien zurückziehen wird, wo es derzeit mit einem weiteren Unternehmen aus dem Softbank-Portfolio (Ola) konkurriert – oder dass die beiden Anbieter fusionieren (oder sich schlicht bei den Preisen absprechen).

Wie kann Uber profitabel werden?

Um die sozialen Effekte dieser Dynamik ermessen zu können, ist es wichtig, sich noch ein wenig länger mit diesem Beispiel zu befassen. Selbst im Fall lokaler Monopole in von Softbank zugewiesenen Märkten hängt der Erfolg von Uber von mehreren Faktoren ab. Zunächst müssen, damit Uber sich langfristig stabilisiert, diese Märkte rentabel genug sein, um die Bewertung zu sichern, die das Unternehmen beim Börsengang erzielte. Tatsächlich verlor die Uber-Aktie aber schon in den ersten beiden Handelstagen fast zwanzig Prozent an Wert. Dies ist bei Börsengängen von Technologiefirmen nicht unbedingt ungewöhnlich. Dennoch stellt sich die Frage: Ist der nordamerikanische Markt, auf den Uber sich konzentrieren soll, groß genug, um diese Summe zu rechtfertigen? Als Uber noch globale Ambitionen hegte, lag die höchste Bewertung bei siebzig Milliarden. Warum sollte ein gestutzter Markt perspektivisch mehr Gewinn versprechen? Wer Ubers Bücher nicht kennt, kann hier letztlich nur begründete Spekulationen anstellen.[25]

Dennoch kann man die Perspektive des Unternehmens strategisch durchdenken: Gibt ein geostrategisch sortierter Markt die angestrebte Bewertung nicht her, ist mittel- bis langfristig mit einem weiteren Wertverlust zu rechnen. Bei der vorbildlosen Größenordnung von Uber drohen im Fall plötzlicher Korrekturen erhebliche Konsequenzen. Wer würde nach einem Uber-Crash noch in ähnliche Start-ups investieren? Welche Geschäftsmodelle würden anschließend genauer unter die Lupe genommen – und mit welchen Folgen? Wie wird es sich auf die IPO-Chancen anderer Einhörner auswirken, sollte der Börsengang im Rückblick irgendwann als Desaster gelten?

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Stellen wir die unberechenbaren Kontingenzen einer solchen Wertkorrektur für einen Moment zurück und nehmen wir an, dass Uber den Eindruck aufrechterhalten kann, es habe in wichtigen Märkten eine Monopolstellung errungen, oder dass das Unternehmen schlicht dadurch Vertrauen erzeugt, dass ausreichend Altinvestoren an Bord bleiben. Was wäre das zugrunde liegende Kalkül? Die Antwort ist einfach: Konsumenten nutzen Uber, weil Uber billig ist. Uber ist billig, weil es seine Dienste aus Risikokapital (bzw. seit Mai 2019 aus den beim Börsengang erlösten Mitteln) subventioniert. Stellt es diese Subventionierung ein, muss es entweder die Preise erhöhen und/oder die Lohnkosten bzw. die Ausschüttungen an die Fahrer senken. Die Preise kann Uber aber nicht stark erhöhen, da die Menschen sonst wieder alternative Transportmöglichkeiten nutzen. Sie fahren Uber, weil Uber billig ist.

Um die Löhne senken zu können, müssen bestimmte Bedingungen herrschen, unter anderem ein relatives Überangebot an Arbeitskraft, wie es in den USA nach 2008 zeitweise bestand und wie es in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern strukturell existiert. Unterstellen wir dass das Senken der Kosten für den Faktor Arbeit, das aus betriebswirtschaftlicher Sicht das Kalkül der Investoren sein muss, gelingen kann. Der Exitkapitalismus der zehner Jahre würde sich dann auch hier als eine Konstellation entpuppen, die systematisch auf den Transfer von Einkommen zu Vermögen angelegt ist – von Uber-Fahrern zu saudischen

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Ölscheichs und den Haltern von Apple- und Daimler-Aktien.

Wo die Märkte monopolartig funktionieren und Ride-Hailing-Plattformen die Löhne der Fahrer erfolgreich drücken können, lässt sich beobachten, dass diese Radikalisierung der sozialen Ungleichheit ein großes Potenzial sozialer Unruhe birgt und an welche Grenzen das Kapital hier unter Umständen stößt, noch bevor Behörden regulierend eingreifen. In Indien zum Beispiel spricht vieles dafür, dass Ola und Uber schon heute ihre Preise abstimmen. In Delhi und Mumbai hat dies im Herbst 2018 zu einem langanhaltenden Streik geführt, der so erfolgreich war, dass die Unternehmen einen Großteil der Forderungen erfüllen mussten. Ungeachtet solcher Etappensiege zeigt der Blick auf die Kapitaldynamiken in der digitalen Ökonomie freilich vor allem, dass der Exitkapitalismus hier eine Wirkung entfaltet hat, die der asymmetrischen Polarisierung von Einkommen und Vermögen zuspielt. Die dem Feld eingeschriebenen Logiken weisen den digitalen Kapitalismus als eine Quelle der Radikalisierung sozialer Ungleichheit aus.

Pragmatik der Spekulation

Sprechen die benannten Parallelen zwischen Finanzmarkt und Internetökonomie, zwischen dem Dotcom-Boom und der Phase 2008-2018 dafür, dass das kommerzielle Internet von kapitalistischen Zynikern errichtet wurde, die die Weltökonomie sehenden Auges in die nächste Krise steuern? Diese Einschätzung wäre vermutlich übertrieben. Eher verbergen sich im Hintergrund der beschriebenen Praxis wohl spezifische Deutungsmuster ökonomischer Innovation, die bis heute in einem Dreieck von Beratungsindustrie, Investorinnen und Unternehmern reproduziert werden. Hier gibt es aber durchaus auch ein waches Bewusstsein für die Risiken, die den Dynamiken des zweiten Dotcom-Booms der Jahre 2008-2019 eingeschrieben sind. So gaben bereits 2016 91 Prozent von 900 befragten Risikokapitalgebern an, sie hielten

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Einhornunternehmen für strukturell überbewertet (Grompers et al. 2016).

Diese Risiken werden jedoch in Kauf genommen, vornehmlich wohl, weil sich die Investoren vor allem von kurzfristigen und an den eigenen Profiten orientierten Kalkülen leiten lassen und diese Profite ja gerade aus Überwertungen resultieren. Die unvermeidlichen Fehlschläge werden in der Ideologie des digitalen Kapitalismus zu notwendigen Stolpersteinen innerhalb eines allgemeinen Trends zu mehr wirtschaftlichem Wachstum und gesellschaftlichem Wohlstand kleingeredet. Den Hintergrund dieser »Rechtfertigungsordnung« (Boltanski/Chiapello 2003) bildet eine eigene Denkfigur, die keineswegs ganz ohne empirische Grundlage ist. Der »Geist des digitalen Kapitalismus« ist (Nachtwey/Seidl 2017), wo er sich auf Wachstumsfragen bezieht, eben gerade nicht an ein Versprechen langfristig stabilen und in seinen Ausmaßen sozial beherrschbaren Wachstums gebunden. Er beinhaltet das Plädoyer für permanente »Disruption«. Dieser Begriff, er stammt, wie erwähnt, aus Clayton Christensens BWL-Bibel The Innovators Dilemma (1997) und ist längst in die Alltagssprache eingegangen, bezeichnet die Grundbewegung, der sich die selbsterklärten Revolutionäre des Kapitals verschrieben haben: Altes zerschlagen, um Neuem Platz zu machen. Das soll eruptive Wachstumsschübe ermöglichen, kontinuierliche Verbesserungen in kleinen Schritten sind nicht gefragt.

Natürlich nehmen die Vertreter dieser Logik nicht an, dass sie einer Spirale nach unten zuarbeiten – geschweige denn den Grundstein antikapitalistischer Gegenbewegungen legen. Regelmäßige Markteinbrüche sind für sie eben lediglich Ausreißer in einer allgemeinen Aufstiegsbewegung hin zum Besseren, die sich in zyklischen Booms und Busts entfaltet. Kaum ein Investor oder Unternehmer kann eine solche Ansicht offen äußern, während er zugleich aktiv in einen Wachstumsmarkt investiert. Doch alle wissen es, und im Rückblick lassen sich Hype, Bust und Aufstieg durchaus miteinander vereinbaren. In einem Interview, das ich im Jahr

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2017 mit einem Veteranen des Dotcom-Booms führte, wurde diese Einstellung beispielhaft deutlich. Ich traf Jeff, der Mitte der achtziger Jahre sein Ingenieurstudium in Stanford abgeschlossen und anschließend einen Business Major in Harvard absolviert hatte, zu einem glutenfreien Mittagessen in Palo Alto. Jeff arbeitete nach seinem Studium mehrere Jahrzehnte in der Halbleiter- und Computerindustrie, unter anderem für die berühmte Firma Silicon Grafix, deren ehemaliger Hauptsitz heute die Google-Zentrale beherbergt. In unserem Gespräch feierte er die ökonomische Gegenwart des kommerziellen Internets, die Unternehmerkultur des Silicon Valley und seine eigene Karriere in euphorischen Tönen: »Im Hinblick auf Technologie, Innovation und Wachstum leben wir, denke ich, in goldenen Zeiten. Das ist sehr, sehr selten, und ich fühle mich privilegiert, hier leben zu dürfen.«

Gleichzeitig beschrieb er den Dotcom-Crash im Jahr 2000 jedoch als besonderen Schicksalsschlag, insbesondere, weil er selbst sowohl emotional als auch finanziell (über Unternehmensanteile) in seine damalige Firma investiert war:

Unser Geschäft ging um zwei Drittel zurück, und wir mussten vierzig Prozent unserer Mitarbeiter entlassen. Wir waren ein Intellectual Property Provider, das heißt, wir haben selbst nichts hergestellt, sondern es unseren Kunden ermöglicht, personalisierte Mikroprozessoren herzustellen. Das Platzen der Blase traf uns hart! Meine Firma war fast tot ... Das Lustige, wenn man in einer Blase lebt, ist: Du weißt, dass es irgendwie verrückt ist, aber du realisierst nicht, wie verrückt. Du bist wortwörtlich in der Blase! Und solange die Musik läuft, musst du weitertanzen.

Als ich ihn auf den Widerspruch zwischen dem Lob der Gegenwart und der Kritik der neunziger Jahre hinwies, verstand er zunächst nicht, worauf ich hinauswollte. Als ich geradeheraus fragte, ob wir uns nicht erneut mitten in einer ökonomischen Blase befänden, war Jeff vollkommen irritiert:

Es ist eine Blase! Ich erwarte, dass die Bewertungen nach unten gehen. Investoren folgen bestimmten Trends. Sie jagen Rendite, und bei historisch niedrigen Zinssätzen erzielt man mit Anleihen und dergleichen keine Profite. Sollte Kapital dadurch in risikoreichere Investitionen, in vielversprechende Regionen wie das Silicon Valley fließen? Ja, ich denke, das stimmt. Wird dabei auf lange Sicht viel Geld verschwendet? Ja, natürlich! Aber unterm Strich stehst du wesentlich besser da, als hättest du es nie versucht.

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So funktioniere Wachstum nun mal. Märkte schössen über das Ziel hinaus. In diesem Prozess würden neue Produkte entwickelt, Personal ausgebildet und Infrastruktur errichtet. Wenn der Markt dann zeitweise zusammenbreche, verflüchtige sich zwar das Kapital, die drei anderen Elemente blieben jedoch vor Ort. Produkte, Skills und Infrastruktur würden nach einer Ruhepause zur Basis der nächsten Expansionsrunde, von der Beschäftigte, Konsumenten und Investoren erneut nur profitieren könnten.

Im Grunde sind sich Profiteure und Kritiker des digitalen Kapitalismus mit solchen Diagnosen ein weiteres Mal einig. Nick Srnicek, ein prominenter Protagonist der akademischen Linken Großbritanniens, schreibt beispielsweise, dass gerade das Platzen der Blase im Jahr 2000 die Basis der Vermachtung des kommerziellen Internets durch dessen Leitunternehmen gewesen sei (Srnicek 2018). Wie Jeff schildert Srnicek eine Situation, in der erst die während der Blase errichtete Infrastruktur den Aufstieg des Gafa-Komplexes möglich gemacht habe.

Für Jeff wiederum besteht dabei kein Unterschied zwischen den Zyklen der Ökonomie und dem Management der eigenen Biografie: »Growth creates opportunity« – Wachstum erzeugt Chancen. Nicht alle können diese Chancen nutzen, und Kontingenz gehört zum Geschäft. Jeff lebt heute drei Monate im Jahr in der Provence. Der Dotcom-Crash hat ihn nicht ruiniert. Seine Firma überlebte und wurde Jahre später verkauft. Die Exitgewinne investierte Jeff in ein zweites Haus in Menlo Park. Dessen Wertsteigerung im Rahmen der aktuellen Hype-Phase ermöglicht ihm und seiner Frau ein gutes Leben. Sie vermieten es, wenn sie in Frankreich sind. Der monatliche Mietpreis hat sich in den letzten acht Jahren verdoppelt.

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Finanzkapitalismus online

Trotz der Krisenanfälligkeit von Wachstumsmärkten sollte man den Protagonisten nicht grundsätzlich unterstellen, dass sie nicht an die Impulse glauben, die man sich auch in Politik und Gesellschaft von diesen Feldern erwartet. Gleichwohl muss man verstehen, dass in Jeffs Deutungen letztlich die Legitimationsfolie einer an den Interessen des Finanzkapitals orientierten Restrukturierung des Kapitalismus aufscheint. Der digitale Kapitalismus, dessen Gravitationszentrum das kommerzielle Internet darstellt, ist nicht aus dem Nichts entstanden. Der Aufstieg der Gafa-Konzerne und die Dynamik der Märkte hängen systematisch mit der seit den siebziger Jahren steigenden Nachfrage nach Informations- und Kommunikationstechnologien zusammen. Die fortschreitende Automatisierung von Produktion und Verwaltung, die Globalisierung sowie die Vernetzung weltweiter Wertschöpfungsketten basieren auf dem Einsatz solcher Technologien. Ein weiterer Faktor war der investiv und risikofreundlich agierende keynesianische Staat, der zugleich ordnungspolitisch über die Neutralität der damaligen Zukunftsmärkte wachte und so die regulative Grundlage des initialen Innovationsgeschehens legte.

Vor allem ist der digitale Kapitalismus jedoch ein Kind der Finanzialisierung, sind die Zusammenhänge zwischen Finanzund Internetindustrie doch besonders systematisch. Einerseits besteht eine historische Filiationsbeziehung in Form eines Wachstumstandems: Mit Investitionen und Nachfrage aus dem Finanzsektor wurde das Wachstum des IKT-Sektors bezahlt. Die neuen Technologien wiederum wurden im Finanzsektor für die Transformation der eigenen Geschäftsmodelle,

Produktkategorien und Operationslogiken genutzt, die dann ihrerseits oft stilbildend für die Kommerzialisierung des Internets waren. So lässt sich auch eine strukturelle Filiationsbeziehung zwischen Finanzökonomie und Internetunternehmen ausmachen: Zentrale ökonomische Strukturen des kommerziellen Internets sind dem Finanzmarkt entlehnt. Die Internetgiganten haben von ihm das erfolgreiche Agieren in einer Ökonomie der Unknappheit gelernt. Konzentration und Schließung sind dabei zwei der entscheidenden Strategien, die zur Verknappung im Grunde unknapper Ressourcen zum Einsatz kommen und die wir im folgenden Kapitel detaillierter betrachten werden. Hochfrequenzwetten, algorithmische Marktstrukturierungen und die Kapitalisierung von Zeit, wie ich sie für die Onlinewerbung beschrieben habe, sind ebenfalls Modellen nachempfunden, die zunächst auf dem Finanzmarkt zum Einsatz kamen.

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