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# Digitaler Kapitalismus - Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit

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[1] Ähnlich verhält es sich Jonathan Pace zufolge mit dem Begriff des »informational capitalism«, wie er prominent etwa von Christian Fuchs (2010) vertreten wird. Auch hier werde mit der neuen Rolle der Information für den Kapitalismus nur gezeigt, dass sich an dessen Grundstruktur nichts verändere: »Fuchs landet in derselben logischen Sackgasse wie Schiller, wenn auch auf anderem Weg. Wenn Informationstechnologie die Produktivkräfte nicht verändert hat, wozu braucht man dann überhaupt das strukturelle Konzept des informationellen Kapitalismus? Warum nicht einfach über informatisierte Produktion, informatisierte Güter und informatisierte Arbeit sprechen?« (Pace 2018: 257)

[4] Als »Ride-Hailing« bezeichnet man die Vermittlung von Personenbeförderungsdiensten durch digitale Plattformen – also per App vermittelte Fahrten jenseits der institutionellen Regularien des offiziellen Taximarkts.

[7] Alibaba beispielsweise befindet sich zu rund 27 Prozent im Besitz des japanischen Unternehmens Softbank, mit dem ich mich weiter unten ausführlich befassen werde. Weitere 15 Prozent hält Yahoo. Die amerikanische Bank JP Morgan Chase hält rund sechs Prozent der Anteile von Tencent, weitere 33 Prozent hält der südafrikanischen Medienkonzern Naspers. Die wichtigsten chinesischen Internetunternehmen sind zudem fast alle im amerikanischen Nasdaq gelistet, ihre Börsengänge wurden allesamt von westlichen Banken betreut (Jia 2018).

[8] So erreichten die Investitionen in chinesische Unternehmen, an denen mindestens ein US-amerikanischer Investor beteiligt war, 2017 mit 24,7 Milliarden US-Dollar ein Zehnjahreshoch (2007

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[9] Als 2018 eine Übernahme des US-Chipherstellers Qualcomm durch den in Singapur ansässigen Konkurrenten Broadcom anstand, legte Präsident Donald Trump sein Veto ein. Begründet wurde dies mit der Befürchtung, durch diesen Deal könnten Schlüsseltechnologien unter chinesische Kontrolle geraten. Der bis heute schwelende Konflikt um den Netzwerkausrüster Huawei ist ein weiteres Beispiel für diese neue Strategie angesichts einer zunehmend angespannten geopolitischen Situation (vgl. Armbruster 2018).

[10] Mit diesem Begriff bezeichnet Geert Lovink den digitalen Kapitalismus in Anspielung auf das seiner Ansicht nach für das kommerzielle Internet typische Verschmelzen überwachungsstaatlicher und kapitalistischer Interessen. Lovink rekurriert damit auf eine klassische, im marxistischleninistischen Lager des 20. Jahrhunderts verbreitete These, laut welcher der imperialistische Staat mit den dominanten Kapitalinteressen verschmelzen werde.

[14] Das heißt eine in einem Abstammungsverhältnis stehende Nachahmung.

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um den Unternehmen die Refinanzierung nach der Finanzkrise zu erleichtern. Die Europäische Zentralbank setzt ebenfalls seit rund zehn Jahren auf diese Politik.

[18] Der klare Schwerpunkt dieser Entwicklung lag 2017 mit 148 Unternehmen in den USA, gefolgt von China, wo 69 Einhörner ihren Firmensitz hatten. Europa konnte zu diesem Zeitpunkt 26 Einhörner vorweisen, fünf davon in Deutschland.

[19] »Angel investors« investieren in der Regel in früheren Stadien in Unternehmen als Risikokapitalfonds.

[20] Trotz der in diesen Zahlen offensichtlich werdenden Bedeutung privaten Risikokapitals für die Start-up-Szene der Bundesrepublik liegt in dem ebenfalls großen Anteil von Unternehmen, die ohne privates Risikokapital auskommen, auch ein Hinweis auf den Umstand, dass die Start-up-Welt der Gegenwart differenzierter ist, als es meine Ausführungen eigentlich nahelegen. Ich verstehe Start-ups, der Definition des Feldes selbst folgend, als technologieintensive Jungunternehmen mit schnellem Wachstum und vorzugsweise internetbasierten Geschäftsmodellen. Gerade für schnelles Wachstum ist in aller Regel der Zugang zu signifikanten Summen an Risikokapital eine systematische Bedingung. In diesem Sinne wären wohl die meisten Jungunternehmen, für die dies nicht zutrifft, auch nicht im gebräuchlichen Sinne als Startups zu verstehen, sondern vielmehr als klassische Gründungen, die sich – wie heute fast alle Wirtschaftsbereiche – in irgendeiner Weise auf die digitale Ökonomie beziehen.

[21] Als Quants werden jene Angestellten der Finanzindustrie bezeichnet, die die Software für das Trading und andere Praktiken schreiben.

[22] Das heißt eine Wachstumskurve, die in der Form eines Hockeyschlägers steil ansteigt: Auf eine kurze Phase des langsamen Wachstums (die Keule, mit der der Puck oder Ball gespielt wird) folgt ein exponentieller Anstieg (der Griff des Schlägers).

[23] In der Regel sprechen wir hier natürlich vom Wachstum der Kunden- bzw. User-Zahlen oder des Umsatzes und eben nicht der Gewinne.

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dabei ein extremes, aber instruktives Beispiel: Schon 2016 verfügte das Unternehmen über zwölf verschiedene Kapitalklassen.

[25] Der Börsenprospekt des Unternehmens machte eine recht waghalsige Prognose zur Reduktion der Arbeitskosten: Perspektivisch sollen diese nämlich durch den Einsatz selbstfahrender Autos gegen null gedrückt werden (es müssten dann keine Fahrer mehr bezahlt werden). Wer mit der Entwicklung des autonomen Fahrens ein wenig vertraut ist, erkennt hier bereits die nächste Wette auf die technologische Zukunft, die droht, nicht aufzugehen.

[26] Die folgenden Ausführungen zur Kontextualisierung des kommerziellen Internets im Rahmen der Regulationstheorie basieren auf einer gemeinsamen Arbeit mit Oliver Nachtwey (»Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus«, 2018).

[27] Die Triebwerksparte von Rolls-Royce verkauft keine Triebwerke, sondern bietet im Grunde ein Abomodell an.

[28] Gemeint ist damit, dass industrielle Plattformen die von Produktions- und Endnutzermaschinen generierten Daten nutzen, um entweder neue Dienstleistungen zu erzeugen und zu verkaufen (etwa wenn zusätzlich zu einer Produktionsmaschine wegen ihrer Predictive-maintainance-Fähigkeit noch ein Fernwartungsservice-Paket verkauft werden kann) oder das gesamte Geschäftsmodell vom Verkauf von Produkten auf deren Verleih umzustellen (etwa wenn ein Automobilkonzern eine Car-Sharing-Flotte betreibt, zu der man über eine proprietäre Plattform Zugang erhält).

[29] Weil eine Plattform wie Airbnb beispielsweise keine Hotels betreiben muss oder eine Ride-Sharing-Plattform keine Fuhrparks unterhält.

[30]Das dieses Kapitel prägende empirische Programm übernehme ich in großen Teilen von den Arbeiten Ulrich Dolatas, insbesondere seinem Aufsatz »Volatile Monopole. Konzentration, Konkurrenz und Innovationsstrategien der Internetkonzerne« (2015). Meine Erweiterungen betreffen dabei erstens die zeitliche Dimension, indem ich Updates seit 2014 aufnehme; zweitens die Fallauswahl, indem ich das Sample um Daten chinesischer Leitunternehmen erweitere; drittens die

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interpretative Ebene, auf der sich zwischen Dolatas ursprünglichen und meinen aktualisierten Befunden deutliche Unterschiede ergeben; und viertens die Einbettung dieses Programms in meine eigene Theoriebildung.

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[42] Ich verdanke diese Einsichten vor allem Eva-Maria Nyckel, die zum Unternehmen Salesforce und dessen CRM-Software forscht.

[43] Ähnlich der Transfers von Wissen zwischen dem Finanz- und dem Digitalsektor (siehe Kapitel 3) ist auch die Orientierung von Unternehmen wie Salesforce an den Leitunternehmen des kommerziellen Internets keineswegs überraschend: Zum einen liegen die Hauptquartiere von Salesforce (San Francisco), Google (Mountain View), Facebook (Menlo Park) Apple (Cupertino) geografisch nah beieinander; zum anderen gibt es auch technologische Kooperationen (etwa zwischen Salesforce und Amazon Web Services), strategische Partnerschaften (zwischen Google und Salesforce) und personale Verbindungen zwischen den Unternehmen. So war beispielsweise Bret Taylor, der Produktentwicklungsvorstand von Salesforce, vorher bei Google und Facebook beschäftigt (Aytay 2017).

[45] Mir ist bewusst, dass in der Mehrheit der genannten Beispiele formell keine Löhne bezahlt werden, weil es sich um selbstständige Arbeit handelt. Der Punkt ist freilich, dass es um die Kontrolle von Arbeitskosten geht. Aus den genannten Gründen der quasibetrieblichen Integration derartiger Typen von Arbeit, aber auch der Einfachheit halber spreche ich von »Lohn-«, nicht von Einkommenskontrolle, damit klar ist, dass wir über die Seite der abhängig Arbeitenden sprechen.

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auch jemals »vollkommen neu«?

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[59] In diesem Zusammenhang wird darüber diskutiert, einzelne, strukturell sehr mächtige Unternehmen als »public utilities« zu regulieren.

[60] Und natürlich ist klar, dass es sich bei der Neutralität des Marktes empirisch stets um eine Fiktion gehandelt hat.

[61] Die im Folgenden Stück für Stück eingeführte Unterscheidung zwischen einem Modell der Services, der Privilegien sowie der Rechte verdanke ich Francesca Bria, die ebendiese Unterscheidung auf einer Konferenz des Decode-Projektes im Herbst 2018 in Barcelona vornahm. Für die Ausformulierung der Figur bin natürlich alleine ich haftbar zu machen.

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ansässigen Unternehmen skizziert, sollen bis 2025 entscheidende Schritte hin zu einer Dominanz spezifischer Schlüsselindustrien getätigt werden. Bei der »Internet Plus«- Agenda handelt es sich letztlich um eine Ergänzung dieser Initiative, die die spezifische Rolle des Internets in der geplanten Restrukturierung der Ökonomie umreißt. Als neue Seidenstraße (auch: »One belt, one road«) werden schließlich koordinierte internationale Investitionen des chinesischen Staates in Projekte der Handelsinfrastruktur bezeichnet, die seit 2013 umgesetzt werden.

[65] Über seine Funktionstüchtigkeit und etwaige nichtintendierte Effekte ist bislang wenig bekannt. So sind beispielsweise erhebliche Zweifel angebracht, ob es der chinesischen Regierung tatsächlich gelingen wird, die aus diversen öffentlichen und privatwirtschaftlichen Quellen stammenden Daten effektiv zu harmonisieren; anscheinend liegen viele der öffentlichen Daten nach wie vor nur in Papierform vor, was ihre Nutzbarmachung für ein automatisiertes Scoring-System doch deutlich einschränkt (Meissner 2017).

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Beherrschten vor 20 Jahren noch Industriekonglomerate, Energiekonzerne und Banken die Rangliste der wertvollsten Unternehmen, wurden diese längst von Internetgiganten wie Google, Apple, Amazon und Tencent abgelöst. Digitale Technik ist allgegenwärtig: Wir tragen Hochleistungsrechner in unseren Taschen herum, Waschmaschinen können sich mit dem Internet verbinden. Doch erschöpft sich darin das Neue am digitalen Kapitalismus?

Philipp Staab beleuchtet den digitalen Kapitalismus aus unterschiedlichen Perspektiven, um ihn präziser auf den Begriff zu bringen. Er zeigt, wie digitale Überwachungsund Bewertungspraktiken in immer mehr Bereiche der Wirtschaft vordringen und dabei die soziale Ungleichheit verschärfen. Das Spezifische am digitalen Kapitalismus, so Staab, ist die Herausbildung »proprietärer Märkte«: Kam es früher darauf an, Dinge herzustellen und mit Gewinn zu verkaufen, geht es im Zeitalter der Unknappheit um das Eigentum an den Märkten selbst.

Philipp Staab, geboren 1983, ist Professor für die Soziologie der Zukunft der Arbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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