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# Digitaler Kapitalismus - Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit

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Wer die Geschichte so erzählt, übersieht allerdings nicht nur den Umstand, dass sich die Durchsetzung von Märkten in unterschiedlichen Ländern und Institutionen auf ganz unterschiedliche Weisen und in ganz unterschiedlichen Ausmaßen vollzog (vgl. Baccaro/Howell 2017), weil – wie ein Basistheorem der Wirtschaftssoziologie lautet (vgl. Sparsam 2015) – Märkte eben immer sozial konstituiert sowie institutionell abgesichert sind und entsprechend variieren. Zwei weitere Faktoren, die für die heutige Gestalt des digitalen Kapitalismus von entscheidender Bedeutung sind, werden bei einer allzu simplen Erzählung über den Neoliberalismus als Ausweitung der Marktsteuerung ausgeblendet: Erstens kann China keineswegs unter die Geschichte der universellen Durchsetzung von Marktlogiken subsumiert werden. Trotz der rasanten Integration in die Weltwirtschaft seit Beginn der Öffnung unter Deng Xiaoping 1978 muss man China als System sui generis charakterisieren, das im Sinne eines »Staatskapitalismus 3.0« (ten Brink/Nölke 2013) Marktelemente auf ganz eigene Weise mit Mechanismen staatlicher Steuerung kombiniert. Nicht zuletzt in einem agnostischen Verhältnis zum Markt und einer Tradition der staatlichen Steuerung liegt die Ursache dafür, dass die wenigen Unternehmen, die es heute weltweit mit der Gafa-Gruppe aufnehmen können, aus China kommen. Es ist folglich die hochgradig selektive und keineswegs ubiquitäre Durchsetzung von Marktlogiken, die den Schlüssel für ein Verständnis der geopolitischen Neusortierungen liefert, die sich gegenwärtig im globalen Kapitalismus und insbesondere in dessen digitalen Leitbranchen vollziehen (siehe dazu Kapitel 8).

Zweitens kann die Erzählung von der ubiquitären Durchsetzung des Marktes den Blick verstellen für den systematischen Unterschied zwischen dem Modell des Marktbesitzes und dem ideologischen Kernstück des Neoliberalismus: der Idee einer notwendigen Neutralität des

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Marktes.

Die Kritik an der in der neoklassischen Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie üblichen Beschränkung der Rolle des Staates auf den Schutz privaten Eigentums und die Gewährleistung öffentlicher Sicherheit füllt Regale. Mir geht es in diesem Buch nicht darum, dieser Kritik zu widersprechen. Es ist allerdings wichtig zu verstehen, dass die Funktion des Staates in den unterschiedlichen Spielarten neoliberaler Theorie durchaus über die genannten »Nachtwächter«- Aufgaben (Lassalle 1862) hinausgeht und dass die Liberalisierung der vergangenen Dekaden in einem sehr grundsätzlichen Sinne ein staatlich-politisches Projekt war. Für Theoretiker der Freiburger Schule (vgl. Fleischmann 2019), aber auch für libertäre Denker wie Friedrich August von Hayek ist entscheidend, dass ein formal-juristischer und institutionell verbürgter Ordnungsrahmen die Neutralität des Marktes sichert. Auch der Neoliberalismus als ideologisches Denksystem, als Legitimation wirtschaftlichen und politischen Handelns (vgl. Boltanski/Chiapello 2003) sowie als sich in diversen Organisationen materialisierende Formation war von einer spezifischen Idee des Marktes geprägt, die diesen als neutralen Ort des Tausches konzipierte. Gerade die viel kritisierte Politik des institutionellen Dreigestirns des globalen Neoliberalismus – Welthandelsorganisation (WTO), Internationaler Währungsfonds (IWF) und Weltbank – zielte ganz praktisch stets auf den Abbau von Handelshemmnissen und die Öffnung bzw. das Schaffen neutraler Märkte.

Vergegenwärtigt man sich dieses Kernstück aller Spielarten neoliberaler Theorie und Praxis, wird deutlich, in welchem Ausmaß sich ein digitaler Kapitalismus, dessen größte Innovation ein System proprietärer Märkte zu sein scheint, von jener Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung unterscheidet, in der nicht mehr zu leben wir uns kaum vorstellen können. Während um uns herum ein Kampf ausgefochten wird zwischen dem Lager derer, die – von rechts oder von links – die Anwaltschaft der Verliererpopulationen des Neoliberalismus für sich reklamieren, und einer politisch

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ebenso heterogenen Gruppe von Akteuren, die die neoliberale Ordnung verteidigen, hat sich das Leitsegment der kapitalistischen Transformation längst von der Idee freier, neutraler Märkte verabschiedet und steht im Begriff, seine wirtschaftliche Praxis auf immer größere Teile der Ökonomie auszuweiten. Mit der politischen Akzeptanz und Förderung der Leitunternehmen des kommerziellen Internets ist die neoliberale Epoche vorüber. Ein System proprietärer Märkte schickt sich an, an ihre Stelle zu treten.

Gelänge dies und setzte sich die Logik proprietärer Märkte – wie unter dem Schlagwort der Digitalisierung landauf, landab behauptet – tatsächlich durch, käme dies einer Entwicklung gleich, die nur mit der von Karl Polanyi beschriebenen »Großen Transformation« ab dem späten 18. Jahrhundert zu vergleichen wäre (Polanyi 1978 [1944]). Zu dieser Zeit schwang sich der Kapitalismus auf, noch die letzten Winkel der Gesellschaft seinen Imperativen und Operationsweisen zu unterwerfen. Die modernen Nationalstaaten nahmen dabei die Doppelrolle als Ermöglicher und Gestalter sozioökonomischen Wandels zum ersten Mal im großen Stil wahr. Den Höhepunkt der Transformation zur »Marktgesellschaft« erlebten die ökonomisch hoch entwickelten Nationalstaaten vor dem Ersten Weltkrieg, als unter der Ägide wirtschaftsliberaler Regierungen und auf der Grundlage des Goldstandards die Idee des selbstregulierenden Marktes zur leitenden Ordnungsidee des globalen Kapitalismus wurde. Diese Formation scheiterte spätestens in der Weltwirtschaftskrise ab 1929 krachend. Die unterschiedlichen Spielarten des Neoliberalismus zogen daraus nach dem Zweiten Weltkrieg die Lehre, dem Staat eine stärkere ordnungspolitische Rolle zuzugestehen, die durch nationale und internationale Institutionen sowie die Flankierung des freien Marktes mit sozialstaatlichen Grundsicherungsmechanismen gewährleistet werden sollte. Es ging ihnen darum, die Marktgesellschaft durch einen »Liberalismus plus« krisensicherer zu machen und ihre Attraktivität im Rahmen der Systemkonkurrenz mit dem real existierenden Sozialismus zu steigern. Der Liberalismus mit

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seinen drei Säulen liberaler Staat, freier Markt,   
Marktgesellschaft sollte zusätzlich gestützt, nicht grundsätzlich transformiert werden.

Privatisierter Merkantilismus

Betrachtet man den Neoliberalismus in diesem Sinne als zweite Halbzeit des klassischen Liberalismus, wird deutlich, wie systematisch sich ein System proprietärer Märkte vom klassischen liberalen und vom neoliberalen Kapitalismus unterscheidet. Um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Es ist keineswegs so, dass das System proprietärer Märkte heute die gesamte Ökonomie dominiert. Wir leben vielmehr in den rauchenden Ruinen des Neoliberalismus, in einer Art »Interregnum« (Gramsci 1991 [ca. 1930]: 354f.), in dem das Alte noch nicht ganz tot, das Neue aber noch nicht voll entwickelt ist. Mein methodisches Argument lautet, dass wir ein Bild von der Zukunft gewinnen können, wenn wir uns den Pionierbranchen der aktuellen Transformation des Kapitalismus zuwenden. In dieser Hinsicht folgt mein theoretischer Ansatz dem Leitbild einer tentativen Generalisierung.

Wie ich in Kapitel 4 ausführlich darlegen werde, lässt sich diese Entwicklung nur vor dem Hintergrund einer komplexen politischen Ökonomie verstehen, die spezifische Krisenphänomene des globalen Kapitalismus in Rechnung stellt. Nach ökonomischer, aber auch nach wirtschaftssoziologischer (Engels 2010) Lesart sind Märkte Instanzen der Distribution von Gütern. Folglich unterscheiden sich Konzerne, die sich als proprietäre Märkte konstituieren, systematisch von klassischen Produzentenunternehmen. Letztere stellen etwas her. Erstere erwirtschaften Profite durch die effiziente Verteilung der von Letzteren hergestellten Güter. Dies macht die Plattformen des kommerziellen Internets zu wesensmäßig konsumzentrierten Organisationen. Ihre Attraktivität – für Produzenten und Verbraucher

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gleichermaßen – besteht in der Ermöglichung einer relativ friktionslosen, für ihre Nutzer extrem komfortablen Form des Konsums: Niemand muss mehr den langen Weg in einen Plattenladen auf sich nehmen, seit Musik-Streaming-Anbieter auf jedem Smartphone präsent sind. Niemand muss sich samstags in rappelvolle Innenstädte quälen, seit das Heer der modernen Dienstboten jede Ware direkt nach Hause liefert. Noch in der U-Bahn kann der gestresste Städter heute Lebensmittel bestellen, die umgehend geliefert werden (Staab 2016).

Doch was sagt es über den Kapitalismus der Gegenwart, wenn sein stärkstes Zugpferd weniger die kosten- und ressourceneffiziente Produktion von Gütern ist als vielmehr die Rationalisierung ihrer Distribution? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich im ersten Schritt klarmachen, dass das Modell proprietärer Märkte die jüngste Strategie gegen das zentrale ökonomische Problem des nachfordistischen Kapitalismus ist: Die Wachstumskrise hoch entwickelter kapitalistischer Ökonomien dauert nun schon seit etwa Mitte der siebziger Jahre an, als der Motor des Fordismus – die Kombination von effizienter Massenproduktion und entsprechender Massenkonsumption – ins Stottern geriet. Zum einen waren die Produktivitätsdividenden der zweiten industriellen Revolution, also der tayloristischen Umstellung des Produktionssystems, im Grunde ausgeschöpft. Zum anderen zeigten die modernen Verbrauchermärkte erste Anzeichen der Saturierung. Ganze Gesellschaften waren, Haushalt für Haushalt, mit den langlebigen Konsumgütern der Ersten Moderne (Ulrich Beck) – Kühlschrank, Waschmaschine, Fernseher – ausgestattet worden. Der Absatz dieser Waren brach ein, mit ihm die private Nachfrage und in der Folge das Wirtschaftswachstum, das der Fordismus zu seiner Reproduktion benötigte. Ich werde in Kapitel 4 detailliert auf die historische Abfolge unterschiedlicher Strategien zur Bearbeitung dieses Konsumptionsproblems des Postfordismus eingehen. Gemeinsam ist all diesen Antworten – etwa der Expansion öffentlicher und privater (Konsum-)Schulden sowie diverser Keynesianismen – der Versuch, durch den Zugriff auf den Konsum der Nachfrageschwäche Herr zu werden. Das ökonomische Versprechen der proprietären Märkte des kommerziellen Internets besteht nun ebenfalls darin, dieser Nachfrageschwäche zu begegnen, und zwar in Form einer Rationalisierung des Konsums.

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Betrachtet man jedoch die Operationslogik proprietärer Märkte, wird deutlich, dass ein solches System im Grunde ein Nullsummenspiel darstellt: Märkte sind, wie gesagt, Instanzen der Verteilung von Gütern, nicht deren Produzenten (auch wenn die betreffenden Unternehmen partiell auch solche Aufgaben übernehmen). Produzenten erwirtschaften Profite aus der Differenz zwischen dem Verkaufspreis und den zur Herstellung einer Ware aufgewandten variablen und fixen Kosten, bei denen in der Regel dem Faktor Arbeit eine entscheidende Bedeutung zukommt. Proprietäre Märkte hingegen erwirtschaften Profite als Renten aus Marktbesitz. Ihre Positionierung an der Schnittstelle zwischen Produzenten und Konsumenten ermöglicht es ihnen, mit relativ geringen fixen und variablen Kosten Provisionen für Markttransaktionen einzustreichen. Im Grunde bedeutet dies, dass ökonomische Profite in einem System proprietärer Märkte lediglich verschoben werden – von Produzenten zu Marktbesitzern, die, mit Mariana Mazzucato gesprochen, nicht primär wertschaffend, sondern wertextrahierend tätig sind (Mazzucato 2019).

Damit verändert sich systematisch die Akkumulationslogik gesellschaftlichen Reichtums. Während in einer produktionsbasierten Ökonomie wie dem Fordismus die Effizienz der Nutzung von Arbeitskraft der entscheidende Faktor ist, gilt dies in einem System proprietärer Märkte für die Aneignung von Renten aus Marktbesitz. Sie bildet einen krisensicheren Weg der Aneignung wirtschaftlicher Profite. Denn ein proprietärer Markt, auf den, wie oben beschrieben, Produzenten wie Konsumenten gleichermaßen angewiesen sind, um zueinanderzufinden, kann selbst bei sinkenden Umsätzen seine Profite konstant halten oder steigern, da er

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über Provisionshöhen und Nutzungsbedingungen den Zugang kontrolliert.

Wenn es zutrifft, dass die Ökonomie des digitalen Kapitalismus aufgrund seines zentralen Organisationsmodells als Nullsummenspiel zu verstehen ist, wird deutlich, wie weit sich ein solches System von den Fundamenten der Marktgesellschaft entfernt hat, deren Entstehung Polanyi beschrieb und deren zweiten Frühling wir seit den achtziger Jahren erleben durften. Für den (Neo-)Liberalismus ist die Idee konstitutiv, dass von der Organisation wirtschaftlicher Transaktionen über den Markt alle beteiligten Parteien profitieren.

Mit den proprietären Märkten kehrt nun im Grunde eine Idee zurück, die die frühkapitalistische, vorliberale Epoche in Europa prägte. Basis des Merkantilismus jener Zeit war ein Verständnis des Welthandels als Nullsummenspiel, was sich insbesondere an der Bedeutung einer aktiven Handelsbilanz zeigte, die das zentrale Ziel des merkantilistischen Staates war. Wohlstand war unter dieser Perspektive nur durch die Übervorteilung anderer Parteien zu erreichen. Positive Handelsbilanzen wurden den »gegnerischen Parteien« gerade im Rahmen des Imperialismus regelmäßig durch rohe Gewalt abgepresst, etwa mithilfe staatlich garantierter und geschützter Handelsmonopole wie der Britischen Ostindien-Kompanie, die von der englischen Krone unter anderem mit dem Recht ausgestattet worden war, eigene Truppen auszuheben (vgl. Wallerstein 1998 [1980]).

Der große Unterschied zwischen dem System proprietärer Märkte und dem klassischen Merkantilismus besteht dabei in der jeweiligen Rolle des Staates. Es war der Staat, der die Handelsmonopole förderte, weil er von deren Gewinnen – zumindest zeitweise – profitierte. Die Trading Companies waren in dieser Hinsicht Monopole von Gnaden absolutistischer Herrscher. Die proprietären Märkte des kommerziellen Internets hingegen sind privatwirtschaftliche Unternehmen, die in jüngerer Vergangenheit zunehmend gerade für diverse demokratieschädigende Praktiken in die

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Kritik geraten sind: Steuervermeidung etwa oder die Beförderung einer Fragmentierung der politischen Öffentlichkeit. Gleichzeitig sprudeln die Gewinne, und die Gafa-Unternehmen entwickeln sich zu den wertvollsten Firmen der Welt. Der Staat muss also als der große Verlierer dieser Entwicklung betrachtet werden. Im Innovationsmotor des (neo)liberalen Kapitalismus ist ein privatisierter Merkantilismus entstanden, der proprietäre Märkte mit den Konturen einer Rentiersgesellschaft kombiniert und dem Staat lediglich eine sehr begrenzte Rolle zugesteht, während er selbst in immer weitere Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge vordringt. [13] War der Neoliberalismus die Eroberung immer neuer Felder durch den Markt, dann ist der digitale Kapitalismus die Eroberung des Marktes selbst durch eine kleine Zahl privatwirtschaftlicher Unternehmen.

Den digitalen Kapitalismus verstehen

Ich werde den privatisierten Merkantilismus der Leitunternehmen des kommerziellen Internets in den folgenden Kapiteln in fünf für jede Kapitalismusanalyse zentralen Dimensionen umreißen. Kapitel 2 widmet sich zunächst der Rolle des Staates bei der Durchsetzung und Strukturierung des kommerziellen Internets. Dabei zeigt sich, dass die Wurzeln des digitalen Kapitalismus bis in den keynesianischen »Unternehmerstaat« (Mazzucato 2014) des Kalten Kriegs und die Phase des einbrechenden Wachstums Anfang der Siebziger zurückreichen und dass der Aufstieg digitaler Technologien aufs Engste mit verschiedenen Makrotrends der kapitalistischen Reorganisation verbunden ist, dass aber erst durch die neoliberale Deregulierungspolitik der Achtziger und Neunziger die letzten Weichen für den Pfad gestellt wurden, der zum digitalen Kapitalismus der Gegenwart geführt hat.

Kapitel 3 widmet sich der Logik des Kapitals, insbesondere des mit dem kommerziellen Internet untrennbar verbundenen Aufstiegs des privaten Risikokapitals. Hinter den Geschichten der goldenen Chancen auf Wachstum und Profit – oder wahlweise der damit verbundenen Monopolisierungstendenzen – stehen eben nicht nur ökonomische Besonderheiten der digitalen Produktionsweise wie geringe Grenzkosten und Netzwerkeffekte. Vielmehr spielen die spezifischen Kalküle dieser für unsere Zeit indikativen Sorte ökonomischen Kapitals eine entscheidende Rolle: Ihr Bedeutungsgewinn muss im Kontext der systematischen Verschiebung in der Verteilung gesellschaftlichen Reichtums von Einkommen zu Vermögen (Piketty 2014) gesehen werden und kann für die Geschichte des kommerziellen Internets gar nicht überschätzt werden. Einerseits wäre das Wachstum der Plattformunternehmen ohne die relative Unknappheit privaten Risikokapitals undenkbar; andererseits sind mit dem Aufstieg des Risikokapitals sehr spezifische ökonomische und soziale Effekte verbunden.

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Kapitel 4 beschreibt die Dimensionen Markt und Organisation, die im digitalen Kapitalismus meinem Verständnis nach sukzessive deckungsgleich werden. Die Leitfigur für die Organisation des digitalen Unternehmens ist die Plattform, das heißt der Markt. Der Aufstieg eines Systems proprietärer Teilmärkte und immer mächtiger werdender Metaplattformen hat spezifische Folgen für die Verteilung gesellschaftlichen Reichtums, die auch für die Restrukturierung von Arbeit von großer Bedeutung sind. Insbesondere vier Kontrolltechnologien proprietärer Märkte streuen sukzessive in immer weitere Teile der Ökonomie. Kapitel 5 beschreibt Phänomene des algorithmischen Managements daher als Filiationen[14] sozialer und ökonomischer Herrschaftsstrategien, die in immer weitere Teile der Ökonomie vordringen. Kapitel 6 führt die Dynamiken der Dimensionen Kapital, Markt/Organisation und Arbeit zusammen zu Überlegungen zur sozialen Ungleichheit im digitalen Kapitalismus. Wie sich zeigen wird, deuten meine Befunde nicht nur auf eine sukzessive Radikalisierung sozialer Ungleichheit hin, sondern auch auf eine spezifische Konstellation des sozialen Konflikts. Kapitel 7 schließlich ist eine Stellungnahme zu den Optionen, die sich uns bieten, und damit auch zu der Frage, ob eine gute digitale Gesellschaft möglich ist.

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