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# Digitaler Kapitalismus - Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit

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2. Die Wurzeln des digitalen Kapitalismus

Um das qualitativ Neue am digitalen Kapitalismus zu ermessen, muss man ihn einerseits als Erbe und Effekt der seit den sechziger Jahren fortschreitenden Anreicherung kapitalistischer Verwertungsprozesse mit digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien beschreiben. Andererseits muss man den digitalen Kapitalismus der Gegenwart aber systematisch unterscheiden von jenem »nur« digitalisierten Kapitalismus, der die hoch entwickelten Ökonomien in den vergangenen siebzig Jahren immer stärker geprägt hat. Der digitalisierte Kapitalismus, dessen Evolution Dan Schiller (2000, 2014) tiefenscharf beschrieben hat, war ein System, in dem traditionelle Verwertungsprozesse sukzessive mit Informations- und Kommunikationstechnologien ergänzt wurden: Chips und Halbleiter wurden Bestandteil industrieller Fertigungsmaschinen, PCs hielten Einzug in Büros und Privathaushalte, Kommunikationsinfrastrukturen wurden mit dem Internet verbunden. Im besten Fall steigerten die neuen Technologien die Produktivität der Arbeitsbereiche, in denen sie implementiert wurden, indem sie eine umfassende Vernetzung vorher isoliert laufender Tätigkeiten ermöglichten (Dyer-Witheford 1999) – wobei sich um die Frage der Produktivitätsgewinne schon früh eine bis heute anhaltende Kontroverse in den Wirtschaftswissenschaften entspann (Solow 1987; Gordon 2016).

Die Logik der Profitgenerierung änderten die neuen Technologien jedenfalls lange Zeit kaum: Industrieprodukte konnten im besten Fall effizienter hergestellt werden, weil Maschinen fähiger und Fabriken vernetzter wurden; administrative Tätigkeiten konnten beschleunigt werden. Gewinne wurden jedoch im Grunde auf der gleichen Art von

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Markt erzielt wie immer: Güter kamen in den Handel, wo unterschiedliche Händler miteinander in einem neutralen Marktzusammenhang in Konkurrenz standen.

Innovation gesucht

In unterschiedlichen nationalen Kontexten begann gegen Ende der sechziger Jahre zeitversetzt das fordistische   
Wachstumstandem zu erlahmen. Einerseits waren die   
Dividenden der Umstellung immer größerer Teile des   
produzierenden Gewerbes auf tayloristische Methoden langsam abgeschöpft (Streeck 2012). Die rasanten   
Produktivitätszugewinne, die seit den dreißiger Jahren erzielt worden waren, schwächten sich ab den frühen siebziger Jahren deutlich ab. Während die Arbeitsproduktivität im   
Westdeutschland der fünfziger Jahre ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 7,3 Prozent aufwies, ging sie bis 1980 auf 3,2 Prozent zurück (Giersch/Paqué/Schmieding o.J.).   
Ähnliche Entwicklungen waren auch in anderen   
Industrienationen zu verzeichnen: So reduzierte sich das   
Wachstum der Arbeitsproduktivität in den USA von einem Jahresdurchschnitt von 3,6 Prozent zwischen 1948 und 1953 auf 1,4 Prozent zwischen 1973 und 1980 (Sprague 2017). Im   
Vereinigten Königreich schrumpfte es von durchschnittlich 3,1 Prozent zwischen 1950 und 1973 auf 1,7 Prozent zwischen 1973 und 1990, in Frankreich fiel es in diesem Zeitraum von 5,1 auf 2,9 Prozent, in Japan von 7,7 auf 3,0 Prozent   
(Broadberry/O'Mahony 2005: 31).

Zeitgleich zeigten die für den Fordismus entscheidenden Verbrauchermärkte erste Saturierungserscheinungen. Die Mehrheit der Menschen in den USA, in Großbritannien, Japan oder Deutschland waren mit Kühlschrank, Einbauküche und Automobil versorgt. Die Nachfrage brach ein. In einer Situation rückläufiger Produktivitätsgewinne verzichteten Unternehmen auf drastische Preissenkungen. Stattdessen stieg der Druck auf die Löhne, was die Nachfrageschwäche eher verschlimmerte.

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Diese ersten Krisenerscheinungen des Fordismus waren der Startschuss für eine inkrementelle Transformation hoch entwickelter Ökonomien auf der Suche nach neuen Innovations- und Wachstumspfaden. Das war zugleich der Beginn der Digitalisierung des Kapitalismus. Denn digitale Netzwerktechnologien wurden in dreifacher Hinsicht zu essenziellen Elementen dieser Veränderung: durch Vernetzung, Dezentralisierung und Kontrolle.

Erstens konnten Wertschöpfungsketten nun immer stärker integriert werden, was Planungs-, Koordinations- und Logistikkosten[15] sparte und es zudem ermöglichte, immer effizienter auf Arbeitskraft in unterschiedlichen Weltregionen zuzugreifen. Mit fortschreitender Vernetzung konnte man zudem die Schnittstellen der Unternehmen zu den Endverbrauchern optimieren. Das Verhalten der Konsumenten, das für strategische Unternehmensentscheidungen immer wichtiger wurde (Dyer-Witheford 1999: 20), ließ sich mithilfe ausgereifter Methoden der Marktbeobachtung direkt in die Kalkulationen einbeziehen. Zugleich ermöglichten es die neuen Technologien, im Zuge der Expansion von Selbstbedienungssystemen zuvor bezahlte Arbeit auf Konsumenten zu übertragen (Staab 2016). In diesem Sinne wurde der Arbeitsprozess deutlich erweitert, indem immer weitere Fragmente arbeitsteiliger Vorgänge verbunden und immer effizienter gesteuert werden konnten.

Zweitens wurde der Arbeitsprozess dadurch aber auch dezentralisiert, versetzten die neuen Technologien die Unternehmen doch in die Lage, die Prozesse der Arbeitsteilung zu verändern: Mit den neuen Technologien waren für sie sehr handfeste Kostenvorteile verbunden, die sich insbesondere aus Dezentralisierung von Unternehmens- und Beschäftigungsstrukturen ergaben. Zum einen ermöglichte die eben erwähnte Verlagerung bestimmter Tätigkeiten auf »arbeitende Kunden« (Voß/Rieder 2005) durch Selbstbedienungssysteme das Einsparen von Arbeitskosten. Zum anderen wurden Netzwerktechnologien für das

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Outsourcing von Infrastrukturelementen genutzt, indem etwa Software oder Rechenleistung extern eingekauft wurden. Dass immer größere Teile der Wirtschaft, des Staates und der Bürger heute über das Cloud-Computing auf die Infrastrukturdienstleistungen von Unternehmen wie Amazon, Google oder Microsoft zurückgreifen, stellt eine direkte Fortsetzung dieses schon frühzeitig sichtbaren Trends dar.

Drittens wurden spätestens Anfang der achtziger Jahre die Potenziale der Netzwerktechnologien entdeckt, Profite durch Marktkontrolle zu ermöglichen: So war eine ganze Reihe von Managementgurus schon zu dieser Zeit der Ansicht, dass es möglich sei, Nutzer in Abhängigkeit von proprietärer Software zu bringen, indem der Zugang zu bestimmten Dienstleistungen auf diese Programme beschränkt würde (McFarlan 1984; Parsons 1983). Warren McFarlan (1984) beispielsweise wies auf zwei Möglichkeiten hin, Profite durch Marktschließung zu erwirtschaften. Zum einen könnten Unternehmen durch digitale Technologien Markteintrittsbarrieren errichten, indem sie in der Kundenkommunikation exklusive Kanäle implementierten, die Wettbewerbern nicht offen stünden:

Eine erfolgreiche Zugangsbarriere macht es nicht nur möglich, Kunden neue Dienstleistungen anzubieten, sondern sie bietet auch einen Weg, Kunden »bei der Stange zu halten«. Je schwerer man das Produkt kopieren kann, desto höher ist die Barriere für Wettbewerber. Ein Beispiel für den Erfolg einer solchen Barriere ist etwa die Entwicklung eines komplexen Softwarepakets, das zusätzliche Wertschöpfung erzeugt und das zur Weiterentwicklung und Verfeinerung taugt. (Ebd.: 99)

Zum anderen könnten durch Software Lock-in-Strategien verfolgt werden, indem die Kosten für den Wechsel in ein anderes System erhöht würden. Es gehe darum, Kunden so sehr an ein bestimmtes System zu gewöhnen, dass sich dessen Nutzung in ihre Routinen einschleiche: »Schlussendlich muss der Kunde zu viel Zeit und Geld aufwenden, um den Zulieferer zu wechseln.« (Ebd.)

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Blickt man heute auf proprietäre Systeme wie IOS oder Android sowie die zugehörigen App-Stores, hat man eine extrem erfolgreiche Anwendung dieses Prinzips vor Augen. Apple und Google kontrollieren über ihre Betriebssysteme tatsächlich den Zugang der Konsumenten zu den Diensten des mobilen kommerziellen Internets: Dort gibt es keinen Zugriff auf irgendein Gut, der nicht durch die Betriebssystem-Tore eines der beiden Unternehmen führen würde. Auch Amazons Handelsplattform funktioniert nach dieser Logik, wobei in diesem Fall deutlicher sichtbar wird, dass Strategien der Marktkontrolle auch die Produzenten betreffen. Dem Buchhandel (Leisegang 2014) hat Amazon immer neue Konditionen diktiert, seit ein Großteil der Buchverkäufe über seinen proprietären Marktplatz abgewickelt wird. Anbieter anderer Waren sind systematisch mit der Unterbietungskonkurrenz durch hauseigene Produkte konfrontiert, was effektiv dazu führt, dass Amazon die Preise auf seinem Marktplatz kontrolliert.

Vernetzung, Dezentralisierung und Kontrolle durch die neuen digitalen Kommunikations- und Informationstechnologien speisten die Makrotrends der kapitalistischen Reorganisation, die als Antwort auf den Einbruch der Wachstumsraten in Gang kamen. Dies gilt insbesondere für vier Faktoren: die technische Rationalisierung und Automatisierung immer weiterer Arbeitsbereiche; die Globalisierung von Wertschöpfungsketten und Absatzmärkten; öffentliche Investitionen und die Kommodifizierung und Privatisierung öffentlicher Güter sowie schließlich die Finanzialisierung der Ökonomie. Diese vier Aspekte erklären den Aufstieg der Informations- und Kommunikationstechnologien zum Leitsektor im Verlauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie erzeugten eine immer weiter steigende Nachfrage nach digitalen Technologien und kanalisierten Investitionen in diesen Bereich. Automatisierung, Globalisierung, Kommodifizierung und Finanzialisierung verhalfen dem Digitalen in seine heutige Position als Gravitationszentrum des Kapitalismus.

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Automatisierung

Lohnzurückhaltung war eine Strategie, mit den Nachfrageeinbrüchen am Ende des fordistischen Wachstumsschubs umzugehen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht erschien es vielen Unternehmen zunächst sinnvoll, im Fall stagnierender oder rückläufiger Verkaufszahlen bei den variablen Kosten zu sparen, was konkret meist bedeutete, bei den Löhnen bzw. den Kosten für Arbeitskraft den Rotstift anzusetzen. Ein Weg der langfristigen Reduzierung von Arbeitskosten war die Investition in Maschinenarbeit, also der Einsatz immer neuer Automatisierungstechnologien, insbesondere im industriellen Sektor.

Die ab den siebziger Jahren implementierten Technologien unterschieden sich freilich deutlich von ihren Vorgängern. Zum einen hatte sich ihre technologische Basis verändert: Die nun stattfindenden Technisierungswellen markierten eine Verschiebung von der Mechanik zur Mikroelektronik, insbesondere in Form der Personal Computer (Bahrdt et al. 1970; Weltz/Lullies 1983). In der deutschen Industriesoziologie wurde in einflussreichen Diagnosen wie jener der »neuen Produktionskonzepte« (Kern/Schumann 1984) oder der »systemischen Rationalisierung« (Altmann et al. 1986; Baethge/Oberbeck 1987; Bechtle 1994; Sauer/Döhl 1994) die zentrale Rolle der IKT herausgestellt, wobei daraus vor allem geschlussfolgert wurde, dass ihr Einsatz eine Abkehr von rigiden tayloristischen Kontrollmethoden bedinge (Pfeiffer 2018). Insbesondere die Strategie der systemischen Rationalisierung griff dabei über die Industrie hinaus und belegte die heute längst radikalisierte Regel, laut der digitale Netzwerktechnologien immer weiter streuen und Ökonomie und Gesellschaft rhizomatisch durchdringen: EDV-Systeme, und das ist der zweite Punkt, wurden schon in den achtziger Jahren nicht mehr nur zur Optimierung industrieller Fertigungsprozesse oder einzelner Bürotätigkeiten eingesetzt. Vielmehr ermöglichte die systemische Rationalisierung »die

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integrierte Gestaltung ganzer Funktionskomplexe von der Beratung, dem Verkauf bis hin zur Ablage und   
Datenverwaltung«, was insbesondere auch klassischerweise als kaum technisierbar geltende Dienstleistungsberufe nachhaltig veränderte (Deutschmann 2001).

Das Spezielle an dieser Entwicklung war, dass Rationalisierungsprozesse »nicht mehr länger punktuell, auf einzelne betriebliche Aufgaben hin« forciert wurden, sondern dass die »Unternehmen verstärkt auf die integrierte technischsoziale Gestaltung von Arbeits-, Betriebs- und Marktstrukturen« zielten (Baethge/Oberbeck 1990). Radikalisiert wurde diese Strategie im Programm der Lean Production (Holweg 2007; Womack/Jones/Roos 1990; Jürgens 2017), das auf die umfassende Vernetzung von Produktionsund Lieferketten setzte, ab den späten achtziger Jahren ausgerollt wurde und einen weiteren Schub der Digitalisierung von Produktionsarbeit bedeutete. Ebenso wie die etwa zeitgleich unter dem Begriff des »Computer Integrated Manufacturing« (CIM) erfolgenden Experimente und Innovationen und schließlich die seit 2011 diskutierten Programme einer vierten industriellen Revolution (Industrie 4.0) sorgten die genannten Revitalisierungsstrategien für eine konstante Nachfrage nach digitalen Produkten in Form von Equipment und Software. Damit verbunden waren steigende, nicht zuletzt von der öffentlichen Hand (siehe unten) finanzierte Forschungs- und Entwicklungsausgaben, die ebenfalls dem rasanten Aufstieg des Digitalsektors zuarbeiteten.

Globalisierung

Zusätzlich verstärkt wurde die Nachfrage nach digitaler Technologie durch jene Prozesse, die seit den neunziger Jahren unter dem Begriff der Globalisierung diskutiert werden – jedenfalls dort, wo damit vornehmlich ökonomische und nicht kulturelle Aspekte adressiert werden. In ökonomischer

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Hinsicht dienen Globalisierungsprozesse bis heute vor allem zwei Zielen (Osterhammel/Petersson 2007): der Expansion von Märkten und der Reduzierung von Arbeitskosten. In Reaktion auf die einsetzende Wachstumskrise versuchten Unternehmen, über den Aufbau von Produktionsstandorten jenseits der Heimatregionen neue Märkte zu erschließen. Indem man am Ort des geplanten Verkaufes oder in dessen Nähe produzierte, ließen sich Transportkosten einsparen und oftmals hohe Importzölle umgehen. So konnte man Märkte erschließen, die noch keine oder zumindest geringere Sättigungstendenzen aufwiesen. Diese Strategie, auf die beispielsweise Volkswagen mit seiner Expansion nach Südamerika (Brasilien, Argentinien) schon ab den fünfziger Jahren setzte, verfolgen deutsche Industrieunternehmen noch heute in China, dem größten Binnenmarkt der Welt. Gleichzeitig ging es hier wie dort immer auch um das Anzapfen neuer Quellen günstiger Arbeitskraft. Gleichwohl blieben beide Strategien lange Zeit faktisch beschränkt: Wollte man weltweit von den günstigen Arbeitskosten einer bestimmten Region profitieren, musste man hohe Transportkosten in Kauf nehmen. Produzierte man hingegen am Ort günstiger Arbeitskraft für eben jenen Markt, hatte man das Problem, dass man dort auf steigende Löhne angewiesen war. Lohnsteigerungen ließen jedoch in aller Regel die eigenen Arbeitskosten nicht unberührt, was die komparativen Vorteile zu nivellieren drohte.

Richtig Fahrt nahmen beide Entwicklungen daher just in dem Moment auf, als die Barrieren von Zeit und Raum (Harvey 1991) durch moderne IKT zunehmend an Bedeutung verloren: Die digitalen Technologien des späten 20. Jahrhunderts ermöglichten es, arbeitsteilige Produktionsprozesse weltweit zu vernetzen. Der Kulminationspunkte dieser Entwicklung ist die Produktion von Apples Iphone, an der neun Firmen in sieben Ländern sowie weltweit mindestens 37 Komponentenzulieferer mitwirken, während das Produkt in beinahe allen Ländern der Erde erhältlich ist.

Die enormen Anstrengungen gerade industrieller Unternehmen, durch eine Transnationalisierung ihrer

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Wertschöpfungsketten und die Globalisierung ihrer Absatzmärkte Wachstum zu kreieren, sorgten ebenfalls für eine konstant wachsende Nachfrage nach digitalem Equipment. Auch die Globalisierung war und ist also ein Steigbügelhalter des Digitalsektors.

Militärkeynesianismus, Kommodifizierung, Privatisierung

Seinen eigentlichen Ausgangspunkt hat dieser Aufstieg allerdings, wie Mariana Mazzucato (2014) eindrücklich gezeigt hat, in einem unternehmerisch agierenden Staat, nämlich in den USA der Zeit des Kalten Kriegs. Investitionen in zukünftige Schlüsseltechnologien sollten den Vereinigten Staaten im Rahmen dieses militärkeynesianischen Programms nicht nur in der Systemkonkurrenz Vorteile verschaffen; es ging zugleich darum, durch Investitionen der öffentlichen Hand der Nachfrage auf die Sprünge zu helfen.

Das wichtigste und sicher auch meistzitierte Beispiel dieser Dynamik ist die Entwicklung des Internets. Der Vorgänger des heute gebräuchlichen Internets entstand aus einer Kooperation der Forschungsabteilung des US-Militärs (der Defense Advanced Research Projects Agency, kurz Darpa) mit mehreren amerikanischen Universitäten, insbesondere dem MIT. Wie in vielen anderen Fällen trat hier der Staat – und nicht etwa privates Wagniskapital – als initialer Risikoinvestor auf; er ermöglichte auch die spätere Kommerzialisierung der erarbeiteten Technologien und löste die mit ihnen verbundenen Wachstumsimpulse aus. Viele Basistechnologien, die später den Erfolg des PCs ermöglichten, wurden ebenfalls in Darpa-Programmen entwickelt (Abbate 1999). Die Rolle des Militärs war dabei nicht auf Forschungsförderung beschränkt, vielmehr tauchte schon während des Vietnamkrieges die Vision eines »elektronischen Schlachtfeldes« auf (Klare 1972), und Ronald Reagans auch als »Star-Wars-Programm« bekannte »Strategic Defense Initiative« (SDI) erzeugte enorme Nachfrage nach digitaler Militärtechnologie (Mosco 1989; Schiller 2011). Diese Geschichte setzt sich bis in die Gegenwart fort. Noch heute hält das Militär in den USA den Löwenanteil an den öffentlichen Investitionen in digitale Technologien: Im Jahr 2019 investiert das Pentagon beispielsweise fast 38 Milliarden US-Dollar in Informationstechnologie, was über vierzig Prozent des gesamten IT-Budgets der US-Regierung ausmacht (IT Dashboard 2019). Die enorme Bedeutung, die dem nationalen Sicherheitsstaat als Nachfragequelle für digitale Produkte und Innovationen noch heute zukommt, zeigt sich nicht nur in den erbitterten Bieterwettkämpfen, die sich etwa Amazon und Microsoft um lukrative Aufträge des Pentagons und der CIA liefern. Auch im Multimilliarden-Dollar-Bereich bewertete Start-ups wie das ominöse Unternehmen Palantir verdanken ihre Dynamik oft Aufträgen des Militärs und der Geheimdienste (Ruttan 2006).

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Blicken wir auf den Ursprung dieser Dynamik zurück, dann zeigt sich, dass das Arpa- bzw. Internet keineswegs die große Ausnahme darstellt und dass Darpa und der militärische Komplex nicht allein auf weiter Flur stehen. Auch andere von Mazzucato untersuchte Regierungsprogramme wie das Small-Business-Innovation-Research-Programm (SBIR), der Orphan Drug Act und die National Nanotechnology Initiative sind Bestandteile eines proaktiv und risikofreundlich handelnden Staates (Mazzucato 2014: 97). Aus diesen und anderen Töpfen stammen in den Vereinigten Staaten nicht nur enorme Summen für Grundlagenforschung, sondern zugleich »20 bis 25 Prozent der gesamten Finanzierung von Technologiefirmen in frühen Stadien [...]. Insofern hat der Staat nicht nur in dem frühen Stadium der Forschung einen zentralen Beitrag geleistet, [...] sondern auch in der Phase, in der ein marktförmiges Programm entwickelt wurde.« (Ebd.: 68)

Die staatliche Förderung digitaler Innovationen setzt sich auch im Bereich der Konsumentenelektronik fort – bis hin zu den enormen Erfolgen der digitalen Leitunternehmen der Gegenwart. Googles ursprünglicher Suchalgorithmus wurde beispielsweise mit Mitteln der National Science Foundation entwickelt (ebd.: 34). Die zwölf Schlüsseltechnologien in Apples Iphone stammen allesamt aus öffentlich finanzierten Forschungsinitiativen (ebd.: 124ff.). Die digitale Assistentin Siri etwa sollte ursprünglich die Kommunikation auf dem Schlachtfeld erleichtern, nicht den Anruf beim Friseursalon oder andere Aufgaben, zu denen die Technologie heute hauptsächlich verwendet wird.

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