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# Digitaler Kapitalismus - Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit

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Der Aufstieg des Risikokapitals

Eine zentrale Rolle bei diesem Kapitalfluss vom Finanzsektor in Tech-Unternehmen spielt, insbesondere seit den neunziger Jahren, eine spezifische Sorte ökonomischen Kapitals: privates Risikokapital, das heute auch vermehrt von Private Equity oder Staatsfonds gestiftet wird. Schon während des Dotcom-Booms der neunziger Jahre war Venture Capital der entscheidende Treibstoff für den rasanten Ausbau der digitalen Ökonomie und, wie Stefan Kühl (2002, 2003) gezeigt hat, für jene Geschäftsmodelle, die letztlich zum Platzen der Blase führten.

Seit der Finanzkrise von 2008 hat die Bedeutung des privaten Risikokapitals weltweit weiter zugenommen. Dafür gibt es mehrere Gründe: So hat die Kreditvergabe durch Banken – trotz der ultralockeren Geldpolitik der Zentralbanken der USA und der Euro-Zone – insbesondere in Europa quantitativ nicht die gewünschten Effekte erzielt, das heißt Geld ist nicht in Form von Krediten in der Realwirtschaft angekommen (Schildbach/Wenzel 2013). Diese quantitative Lockerung (quantitative easing)[17] hat allerdings zu einem immensen Anwachsen der globalen Geldmenge geführt: Allein zwischen Anfang 2008 und Ende 2015 hat sich diese innerhalb der OECD von 81,6 auf 168,4 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppelt (OECD 2019). Die Aktienmärkte waren offensichtlich nicht in der Lage, die wachsende Kapitalmenge zu absorbieren. Dagegen hat (jenseits des Immobiliensektors) insbesondere die Start-up-Ökonomie mit ihren Versprechen auf disruptive (Christensen 1997) und stark skalierbare (Shapiro/Varian 1999) Innovationen sowie das Erschließen neuer Märkte Investitionen magisch angezogen.

Hier gab und gibt es eine enorme, ebenfalls strukturell bedingte Nachfrage: Jungunternehmen suchen sich eine Finanzierung jenseits klassischer Bankkredite, für die sie keine Sicherheit bieten können. Sie stellen keine Maschinen her, haben keine Firmengrundstücke, bauen keine großen Fabriken und unterhalten keine Fuhrparks:

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Fixes Kapital kann als Pfand dienen, das dem Kreditgeber als Schutz gegen Kreditausfall dient. [...] So ergibt sich, dass Firmen mit großen materiellen Anteilen an Kapital sich durch die Ausgabe von Anleihen finanzieren können. Eine Firma dagegen, die sich auf die Entwicklung von Programmen, Ausbildung ihrer Mitarbeiter oder die betriebswirtschaftliche Verbesserung ihrer Organisation konzentriert, wird schwerer und teurer an Kredite kommen, da die erwirtschafteten Vermögen nicht leicht zu verkaufen sind. (Cecchetti/Schoenholtz 2018)

Dass Start-ups die erhofften Investitionen bei   
Risikokapitalgebern akquirieren können, liegt an den mit diesem Feld verbundenen Wachstumshoffnungen. Ein   
empirisches Indiz für die mit Start-up-Firmen verknüpften positiven Erwartungen ist das rasante Wachstum der Anzahl der sogenannten Einhörner (unicorns), also von   
Jungunternehmen, deren Marktbewertung die Marke von einer Milliarde Dollar knackt. Allein zwischen 2014 und 2017   
verdreifachte sich ihre Zahl weltweit von 83 auf 224 (Stern 2017).[18] Nicht nur privates Risikokapital, sondern auch die bereits angesprochenen staatlichen Investitionsfonds, etwa aus Norwegen, Singapur oder Saudi-Arabien, wurden von   
entsprechenden Renditeversprechen angelockt. Nach wie vor gilt privates Risikokapital dabei als deutlich »geduldiger« als an den Aktienmärkten eingeworbenes Kapital   
(Deeg/Hardie/Maxfield 2016), weshalb es als ideale   
Finanzierungsform mehrjähriger Wachstumsphasen betrachtet wird.

Ein dritter Grund für die gestiegene Relevanz privaten Risikokapitals ist ein Phänomen, das man als »Piketty-Faktor« bezeichnen könnte: die grundsätzliche Umverteilung von Wachstumsgewinnen weg von Einkommen hin zu Vermögen, insbesondere im Zuge des Bedeutungsgewinns des Finanzsektors für die Wertschöpfungsprozesse in hoch entwickelten Ökonomien (Piketty 2014; Goda/Lysandrou 2014). Wachsende Vermögen bedeuten größere Mengen Kapital, das Anlagemöglichkeiten sucht und für Risikokapitalinvestitionen genutzt werden kann, wenn keine anderen vielversprechenden Anlagen auf dem Markt sind.

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Es überrascht daher nicht, dass das Volumen des investierten Risikokapitals in den USA 2017 mit rund 72 Milliarden Dollar ein Zehnjahreshoch erreichte (Richter 2018b); im Vergleich zum Jahr 2008 bedeutet das eine Steigerung um den Faktor 2,4, im Vergleich zu 2002 gar um den Faktor 4,5 (PwC 2019). Perspektivisch sind zunehmend auch wahre Gigafonds am Spiel beteiligt. Das bekannteste Beispiel ist hier der von dem japanischen Unternehmen Softbank gemanagte und zum größten Teil von Saudi-Arabien finanzierte Vision Fund, der über ein Investitionskapitalvolumen von sagenhaften 100 Milliarden Dollar verfügt.

Risikokapital in Deutschland

Deutschland ist im internationalen Vergleich ein relativ kleiner Markt für Risikokapitalinvestitionen. Die 100 Start-ups, in die hierzulande zwischen 2009 und 2015 das meiste Kapital investiert wurde, konnten immerhin knapp 4,7 Milliarden US-Dollar akquirieren (Ernst & Young 2017). Allerdings wurden 2017 deutschlandweit fast 4,3 Milliarden Dollar in Start-ups investiert, was im Vergleich zum Vorjahr einem Anstieg um 88 Prozent entsprach (Ernst & Young 2018). Gerade in Berlin, wo siebzig Prozent des ausgezahlten Risikokapitals angelegt wurde, hat sich ein nennenswertes Start-up-Ökosystem etabliert – mit ansehnlichen Investitionssummen und internationalen Investoren. Einige Aufmerksamkeit hat Anfang 2018 beispielsweise Softbanks 460-Millionen-Euro-Investition in die Gebrauchtwagenplattform Auto1 auf sich gezogen, die das Unternehmen praktisch aus dem Stand auf eine Marktbewertung von 2,9 Milliarden Euro und damit in den nicht mehr ganz so exklusiven Club der Einhörner katapultiert hat.

Es ist schwierig, von der Menge des investierten Risikokapitals auf dessen Bedeutung in der deutschen Start-up-

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Szene zu schließen, da sehr große Investitionsrunden für einzelne Unternehmen (etwa Soundcloud oder Auto1) einen Großteil der Gesamtsumme ausmachen. Näher kommt man der Bedeutung von Risikokapital in der Breite der deutschen Startup-Landschaft, wenn man die unterschiedlichen Finanzierungsquellen von Start-ups vergleicht: Von den 1061 (2014) bzw. 1224 (2015) im deutschen Start-up-Monitor erfassten Unternehmen haben 2014 und 2015 jeweils rund zwanzig Prozent von Risikokapitalinvestitionen profitiert (Ripsas/Tröger 2015). Weitere 28 (2014) bis 30 Prozent (2015) der erfassten Unternehmen zählten sogenannte »Angel Investors«[19] zu ihren Geldgebern (ebd.), die sich von Risikokapitalfonds in der Regel hauptsächlich durch den Investitionszeitpunkt unterscheiden, im Grunde aber mit ähnlichen Kalkulationen operieren.[20] Insbesondere Berlin hat sich als Deutschlands Venture-Capital-Hauptstadt einen Namen gemacht: Nicht nur ist der Anteil der Finanzierung durch Risikokapital bei den dort ansässigen Start-ups um ein Drittel höher als im Bundesdurchschnitt (ebd.), mit der Firma Rocket Internet hat zudem der nach Investitionssumme weiterhin wichtigste lokale Risikokapitalgeber hier seinen Sitz. Das Berliner Start-up-Ökosystem war laut einer Studie der Compass-Gesellschaft 2015 das am schnellsten wachsende der Welt (Compass 2015). Zudem wurde in Berlin 2015 mit 2,15 Milliarden Euro mehr Risikokapital ausgezahlt als in jeder anderen europäischen Stadt (ebd.). Auch der investive Staat tritt in Form moderater Fördergelder in Erscheinung: die staatseigene KFW-Bank beispielsweise investiert seit Jahren in bundesrepublikanische Start-ups. Erst im Herbst 2018 wurde eine neue Investitionsinitiative in Höhe von zwei Milliarden Euro angekündigt (Verfürden/Köhler 2018). Allein der Berliner Senat hat 2017 27 Millionen Euro für Unternehmensgründungen ausgegeben; für 2018 waren vierzig Millionen zur Unterstützung des Digitalsektors geplant.

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Finanzialisierung und Digitalisierung: Aus demselben Holz geschnitzt

Wesentliche Gründe für die seit den siebziger Jahren stetig wachsenden Investitionen von Banken, Investmentgesellschaften und Risikokapitalfonds in Informations- und Kommunikationstechnologien waren der Aufbau eigener technischer Netzwerke, die damit zusammenhängende Nachfrage nach mathematisch komplexen Produktinnovationen wie etwa dem Hochfrequenzhandel sowie die Suche nach Anlagemöglichkeiten in Wachstumsmärkten.

Bereits in den Achtzigern stieg das Budget, das US-Banken für digitale Endgeräte und Software ausgaben, jährlich um 19 Prozent (Schiller 2014: 50). Noch bis in die jüngere Vergangenheit gilt: »Finanzunternehmen bilden die zweitgrößte sektorale Quelle der Nachfrage nach Informationsund Kommunikationstechnologie, direkt hinter der Kommunikationsindustrie selbst« (Schiller 2011: 925). Finanzialisierung und Digitalisierung stehen somit in einem koevolutionären Verhältnis, ist die materiale Praxis des Finanzsystems doch entscheidend »durch elektronische und digitale Technologien, also durch die konsequente Verschränkung von Informationsverarbeitung und Telekommunikation« geprägt (Vogl 2011: 105).

Die Finanzialisierung spielt zudem eine entscheidende Rolle für den Auf- und Ausbau der materiellen Infrastruktur des Internets und vice versa: So verlegte beispielsweise der USamerikanische Infrastrukturanbieter Hibernia Networks 2010 das erste transatlantische Unterseekabel nach der Dotcom-Krise 2000. Das neue Kabel sollte die Datentransfers um fünf Millisekunden beschleunigen. Diese Geschwindigkeitsgewinne boten gewöhnlichen Nutzern keinen bedeutenden Vorteil. Für die auf Hochfrequenzhandel spezialisierten Banken waren sie hingegen entscheidend (Schiller 2014: 55). In Anerkennung der grundlegenden Bedeutung der Finanzialisierung für den Aufstieg der digitalen Ökonomie kommt Schiller daher zu dem

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Schluss: »Netzwerke sowie die sie durchdringenden softwaregetriebenen Produkte und Praktiken wurden zu nichts weniger als der Infrastruktur dieses globalen High-tech-Finanzsystems« (ebd.: 47).

Streng betrachtet belegt diese bis in die Gegenwart andauernde Wechselwirkung freilich lediglich, dass die Kapitalseite an die Möglichkeit glaubte und bis heute glaubt, mit digitalen Technologien Profite generieren zu können. Darüber, auf welchen Prozessen und Praktiken dieses nun immerhin seit mehreren Dekaden und über einige Wirtschaftskrisen hinweg relativ stabile Vertrauen basiert, ist damit zunächst noch nichts gesagt. Ein vergleichender Blick auf die Logiken der Generierung von Renditen in Finanzwelt und Digitalwirtschaft ist dabei aufschlussreich. So zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass wir es in den beiden Bereichen mit teilweise strukturanalogen Praktiken zu tun haben, also mit nicht nur historischen, sondern strukturellen Filiationen.

2018 kam es zu einem Führungswechsel in einem für weltweite Topverdiener renommeeträchtigen Ranking: Ein Emporkömmling aus der digitalen Ökonomie sicherte sich Platz eins der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt. Die Rede ist von Jeff Bezos, dem Gründer von Amazon, einem Unternehmen, das in seinem Kerngeschäft, dem E-Commerce, zwar zwanzig Jahr lang keinen Gewinn gemacht hat, dessen Marktbewertung Bezos, der sechzehn Prozent der Anteile hält, aber dennoch an die Spitze der globalen Reichtumselite beförderte. Bezos selbst ist nicht nur ein schillernder Charakter, dessen Fixierung auf Wachstum, Expansion und radikale Rationalisierungsstrategien geradezu manische Züge hat (siehe Nachtwey/Staab 2015). An seinem Beispiel lässt sich auch das Entstehen der strukturellen Filiationen zwischen Finanzwirtschaft und Internetökonomie besonders gut erläutern.

Bevor Bezos Amazon gründete, arbeitete er bei dem Wall-Street-Hedgefonds D.E. Shaw, einem der Orte, wo der Hochfrequenzhandel erfunden und zahlreiche ambitionierte Algorithmen zur Marktbeobachtung und -evaluierung

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entwickelt wurden (Stone 2013). Bezos brachte also explizites finanzkapitalistisches Know-how mit in sein neues Unternehmen. Sein Werdegang steht damit paradigmatisch für eine Migration ökonomischen Wissens von der Finanzwirtschaft in die Internetökonomie. Auch für das neben dem E-Commerce zweite zentrale Geschäftsmodell des kommerziellen Internets, die Onlinewerbung, gibt es deutliche Indizien für ein Lernen an und eine Gestaltung nach dem Vorbild des Finanzmarkts. Wiederum liefern personelle Verbindungen einen ersten anekdotischen Hinweis: Das Onlinewerbegeschäft von Google und Facebook, also der beiden diesen Bereich dominierenden Unternehmen, soll unter der Leitung ein und desselben Beschäftigten aufgebaut worden sein, der zuvor als Quant[21] bei der Investmentbank Goldman Sachs tätig war (vgl. García Martínez 2016).

Unternehmensstrategien: Wachstum und Schließung

Eine erste strukturelle Parallele zwischen Finanzwirtschaft und Internetökonomie findet sich in der Relevanz von Wachstumsund Schließungsprozessen für die übergeordneten Unternehmensstrategien: Dem Vorbild des Finanzsektors folgend, haben die Leitkonzerne des kommerziellen Internets von jeher auf radikales Wachstum gesetzt, wobei lange Zeiträume mit hohen Verlusten in Kauf genommen wurden. Solche Strategien zielen darauf ab, die Kontrolle über bestimmte Märkte zu gewinnen, um so Schließungsmechanismen ins Werk zu setzen, die eine Kontrolle der Marktpreise ermöglichen sollen (vgl. Staab/Nachtwey 2016). Es handelt sich also um eine Strategie, um dem Problem der prinzipiellen Unknappheit digitaler Güter zu begegnen. Dem von Theoretikern des Postkapitalismus prognostizierten Preisverfall soll ein Riegel vorgeschoben werden, indem die Leitunternehmen zu Gatekeepern beim Zugang zu spezifischen Produkten und Dienstleistungen

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werden (vgl. Dolata 2015). Dass Digitalunternehmen das für ihren radikalen Wachstumskurs nötige Kapital an den Finanzmärkten einwerben konnten, wird vor dem Hintergrund der Tatsache verständlich, dass auch Finanzfirmen historisch mit Wachstum und Schließung auf das Problem der Unknappheit ihrer Güter reagiert haben – und dies hinsichtlich der Profitgenerierung mit großem Erfolg.

Wie die großen Internetunternehmen haben es Banken nicht nur mit prinzipiell unknappen nichtrivalen Gütern, sondern folglich auch mit teilisomorphen Angebotsstrukturen zu tun (Postberg 2013). Ihren Profit ziehen sie aus der Produktion von Geld oder anderen Forderungen. Die Banken eines Währungsgebietes bieten im Grunde alle dieselbe Produktpalette an: Ein geliehener Guthabenbetrag in Euro ist für den Schuldner gleich nützlich, unabhängig davon, ob er von der Deutschen Bank oder einem beliebigen anderen Geldhaus hergestellt wurde. Auch eine Option auf den Kauf von Devisen oder ein Forward für deren Verkauf kann, technisch betrachtet, von jeder Finanzfirma angeboten werden. Es gibt kein spezielles Wissen, das es einzelnen Firmen erlauben würde, Produkttypen auf den Markt zu bringen, die nicht auch von all ihren Konkurrenten angeboten werden können. Gleichzeitig sind den Zinshöhen – also dem Preis des Produkts Geld – durch den dem Mechanismus von Angebot und Nachfrage entzogenen Leitzins und die Orientierung an Indizes mit geringer Volatilität in der Praxis enge Grenzen gesetzt. Den Banken bleibt unter diesen Bedingungen nur der »Wettbewerb um den möglichst hohen Absatz eines identischen und zugleich unerschöpflichen Produkts«. Sie »müssen also ohne Rücksicht auf Wertstabilität versuchen, möglichst viel Geld zu möglichst geringen (Risiko-)Kosten zu >produzieren<« (Postberg 2013: 152). Der Finanzsektor insgesamt konnte seine Profite daher nur durch konsequentes Wachstum steigern (vgl. Crotty 2007).

Gleichzeitig war der Finanzsektor in der jüngeren Vergangenheit von starken Konzentrationsprozessen geprägt: Die entwickelten Volkswirtschaften erlebten in den neunziger und nuller Jahren einen Trend der Ausdehnung und

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Konzentration und damit einer Verdichtung ihrer Finanzsysteme. Immer mehr Vermögen wird von einer immer kleineren Zahl stetig wachsender Bankkonglomerate gehalten (Sahr 2017a). Obwohl die Erträge auf traditionelle langfristige Kredite seit den achtziger Jahren im Durchschnitt gefallen sind, konnten große Banken so ihre Profitmargen erhöhen (Crotty 2007: 9). Das hatte zwei Gründe: Erstens erzeugten das Wachstum und die sich verdichtende Vernetzung der großen Banken in den USA und in Europa einen Effekt, der als »implizite Subventionierung« bezeichnet wird und der nach der Finanzkrise von 2008 als »Too big to fail«-Problematik diskutiert wurde (Noss/Sowerbutts 2012). Aufgrund der hohen Konzentration von Schulden und Vermögen bei einigen wenigen Instituten wurden diese »systemisch relevant«, das heißt, sie selbst und ihre Investoren erwarteten, dass die jeweilige Regierung sie im Fall einer drohenden Insolvenz retten würde. Das vergünstigte ihre Refinanzierungskosten - die erwartete Rettung durch den Staat wirkte also wie eine explizite Subventionierung. Schätzungen zufolge beliefen sich die Kostenersparnisse für Banken in der Europäischen Union allein im Jahr 2012 auf 234 Milliarden Euro (Kloeck 2014). Zweitens, darauf hat James Crotty hingewiesen, konnten die wachsenden Banken durch eine Mischung aus kompetitiven und kooperativen Strategien ihren Einfluss auf die Preisbildung steigern, ein Effekt, den Crotty als »oligopolistische Marktmacht« (»oligopolistic market power«) bezeichnet (Crotty 2007: 9). Zusammen mit der impliziten Subventionierung führte dies dazu, dass der Wechsel zu kleineren Konkurrenten für die Kunden immer kostspieliger wurde, die »switching costs« stiegen an. Nach einer ganz ähnlichen Logik wurden auch die ebenfalls mit unkappen Gütern handelnden und zunehmend teilisomorphen Digitalunternehmen (mehr hierzu im nächsten Kapitel) für Kapitalinvestitionen attraktiv. Entgegen der von Theoretikern des Postkapitalismus betonten Dezentralität und Hierarchiefreiheit ist das kommerzielle Internet der Gegenwart ein hochgradig zentralisierter und vermachteter Raum (Dolata

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2015). Entscheidende Teilmärkte wie etwa jene für Betriebssysteme (Apple, Microsoft, Google), Suchmaschinen (Google), berufliche (Linkedin als Teil von Microsoft, Xing) und soziale Netzwerke (Facebook) oder E-Commerce (Amazon, Alibaba sowie Google und Apple über ihre App-Stores) sind monopolistisch oder oligopolistisch strukturiert.

Die Grundlagen der das kommerzielle Internet prägenden Marktkonzentration stehen, wie eingangs beschrieben, in einem systematischen Zusammenhang mit dem materialen Charakter digitaler Güter und der Logik von Vernetzungsprozessen: Zum einen ermöglicht die praktisch infinitive Skalierbarkeit, einfache Distribution und Nicht-Rivalität digitaler Güter (Brynjolfsson/McAfee 2014) – ganz ähnlich wie bei Finanzprodukten – ein rapides Wachstum von Unternehmen, die nachgefragte Güter anbieten, da Nachschubprobleme aufgrund der relativ anspruchsarmen Distributionsinfrastruktur keine große Rolle spielen – ein Umstand, der durch den rasanten Aufstieg des Cloud-Computing noch verstärkt wird, da Server-Kapazitäten zunehmend friktionsfrei und on demand extern eingekauft werden können. Zum anderen führen die im Internet möglichen Netzwerkeffekte dazu (Shapiro/Varian 1999), dass die Ordnungslogik bestimmter Märkte die Bildung von Monopolen systematisch begünstigt (Staab/Nachtwey 2016). Da der Nutzen vieler digitaler Güter – etwa von Betriebssystemen der meisten Dienstleistungen des Google-Kosmos oder der Plattform Facebook – mit der Zahl ihrer User steigt, setzen sich üblicherweise ein oder wenige Anbieter durch. Während die Postkapitalismus-Hypothese noch auf die Dezentralisierung des Internets hofft, bemühen sich, wie erwähnt, einflussreiche Silicon-Valley-Ideologen wie der Finanzinvestor und Paypal-Kogründer Peter Thiel (2014) bereits seit Langem, den Quasimonopolen des kommerziellen Internets die Weihen sozialer Nützlichkeit zu verleihen: Wie Thiel in seinem Stanford-Seminar argumentierte, das als Buch 2014 auf Deutsch erschien, handelt es sich bei den Leitunternehmen des Internets um »kreative Monopole«. Sie alleine verbürgten die effiziente

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