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tautologisch: Das Digitale am digitalen Kapitalismus ist die digitale Technologie.[1]
Als Soziologe war dies für mich unbefriedigend. An einer Theorie der Gesellschaft interessiert, stellt die Verbreitung digitaler Technologien in den meisten Arbeits- und Lebensbereichen für mich keinen relevanten Faktor dar, solange damit keine Hypothese darüber verbunden ist, welche Logik der Ordnung von Wirtschaft und welche Effekte für Gesellschaft damit impliziert sind. Mich interessiert kein metaphorischer Begriff des digitalen Kapitalismus, wie er seit Beginn meiner Arbeit zum Thema auch in Deutschland immer populärer geworden ist. »Computer sind überall«,[2] ist keine analytische Aussage, die zur Bestimmung einer spezifischen Form des Wirtschaftens führt – auch wenn es natürlich stimmt.
Schillers Diagnose einer historischen Entwicklung, in deren Verlauf eine zunächst recht konzentrierte Keimzelle aus technologisch ambitionierten Unternehmen im Telekommunikationsbereich systematisch wächst und expandiert, während später die digitalen Technologien zur basalen Infrastruktur hoch entwickelter Volkswirtschaften werden, ist schwer zu widersprechen. Sie zu widerlegen, ist auch gar nicht mein Ziel. Eher scheint es mir so, dass wir uns seit einigen Jahren in einer Entwicklungsphase befinden, in der nach der Diffusion digitaler Technologien in alle Lebensbereiche eine neue Konzentration ökonomischer Macht zu beobachten ist. Das Gravitationszentrum dieser Veränderungen ist dabei nicht so diffus, wie man meinen könnte, wenn man sich vor allem darauf kapriziert, dass Computer heute eben allgegenwärtig sind. Es liegt im kommerziellen Internet, dessen Leitunternehmen zu den entscheidenden Schnittstellen für immer mehr ökonomische Prozesse geworden sind und ohne das die omnipräsenten Computer nur einfache Rechenmaschinen wären. Will man diese Konzentrationsbewegung in ihrer Entstehung, Reproduktion und in ihren Effekten soziologisch verstehen, muss man fragen, was ihren eigentlichen Kern ausmacht. Stellt man die Frage in dieser Form, opfert man die deskriptive Breite und Präzision der Geschichtswissenschaft der analytischen Schärfe einer theoretisch ambitionierten Soziologie. Man ist dann auf der Suche nach einem analytischen Begriff des digitalen Kapitalismus.
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In diesem Sinn versuche ich hier einerseits, Schillers Buch ein drittes Mal zu schreiben, da empirische Veränderungen im Gegenstandsbereich dies nötig machen und da auch ich an einer umfassenden Diagnose zur Digitalisierung der Ökonomie interessiert bin. Andererseits schreibe ich auch ein vollkommen neues Buch, da die Zielrichtung meiner Arbeit sich nicht wie bei Schiller auf die empirische Breite des Phänomens, sondern auf dessen analytischen Kern richtet.
Worin besteht nun dieser Kern und was unterscheidet die Gegenwart von der Situation, die Dan Schiller beim Verfassen seiner beiden Bücher vor Augen hatte?
Keine Einheit von Staat und Kapital
Zentrale Basisannahmen Schillers, die vor nicht allzu langer Zeit noch plausibel gewesen sein mögen, sind aus meiner Sicht in jüngerer Vergangenheit fragwürdig geworden. Die wirtschaftliche Hegemonie der USA ist seit geraumer Zeit – selbst in ihren ehemaligen Einflusssphären – keineswegs mehr unangefochten. Insbesondere der Aufstieg Chinas wird landläufig als zentraler Faktor für den relativen Machtverlust der USA angeführt. Dies gilt insbesondere für den IKT-Sektor und das kommerzielle Internet, also die Leitsektoren der Digitalisierung. So dominieren auf dem Gebiet der Hardware-Produktion chinesische Unternehmen nicht nur den eigenen Binnenmarkt sowie zunehmend die Märkte wichtiger Schwellenländer sowohl auf der Ebene
konsumentenorientierter Unterhaltungselektronik als auch im Bereich der digitalen Infrastrukturen (Glasfaserkabel, Funknetze etc.) (vgl. Srivastava 2017; Kharpal 2017; Iyengar 2018; Chen, L. 2018b). Auch die Hardware namhafter amerikanischer Hersteller wird heute zum allergrößten Teil
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von Kontraktfirmen in China (die berühmteste ist wohl der taiwanesische Konzern Foxconn) hergestellt (vgl. Duhigg/Bradsher 2012; Barboza 2016) – was freilich nicht heißt, dass der Löwenanteil der Wertschöpfungsdividenden in China verbliebe. Hinzu kommt, dass den großen amerikanischen Internetunternehmen der chinesische Markt praktisch verschlossen ist. Durch eine Mischung aus wirtschaftlichem Protektionismus und gezielter staatlicher Förderung digitaler Schlüsselunternehmen – insbesondere der drei Leitkonzerne des kommerziellen Internets chinesischer Prägung, Baidu, Alibaba und Tencent (BAT) – haben sich nationale Konglomerate gebildet, die es mittlerweile auch auf die vorderen Ränge der Rankings der wertvollsten Unternehmen der Welt schaffen. So ist beispielsweise Tencent als erstes chinesisches Internetunternehmen in den erlauchten Club der Konzerne mit einer Marktbewertung von über 500 Milliarden US-Dollar aufgestiegen (Staab/Butollo 2018; Perez 2017).
Der investive Staat, der diesen Aufstieg möglich machte, hat zugleich durch diverse quasiprotektionistische Maßnahmen den Handlungsspielraum westlicher Internetkonzerne in China deutlich eingeschränkt: Google verließ den chinesischen Markt im Jahr 2010, vorgeblich wegen Zensurvorgaben, die das Unternehmen nicht mehr zu erfüllen bereit war – und hadert seither mit einer möglichen Rückkehr sowie der Frage, wie die dafür notwendigen Zugeständnisse mit dem Selbstverständnis vieler Google-Mitarbeiter in Einklang zu bringen wären. Facebook wurde 2009 im Anschluss an Unruhen in der Provinz Xinjiang mit der Begründung gesperrt, es habe den dort protestierenden Uiguren als Infrastruktur für deren Kommunikation gedient[3] – ein Vorwurf, der sich heute fast überall zu wiederholen scheint, wo unerwünschter Protest stattfindet oder tatsächlich Lynchmobs Selbstjustiz üben (Leisegang 2017). Apple und Amazon wiederum sind in China vertreten, das mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern den größten Binnenmarkt der Welt bildet, allerdings ist ihr Marktanteil geradezu marginal im Vergleich zu ihrer Position in anderen Weltregionen. Während Apples Iphone Ende 2018
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weltweit einen Anteil von 18,2 Prozent am Smartphone-Markt hatte, lag er in China gerade einmal bei der Hälfte (IDC 2019a, 2019b). Zudem muss Apple die Daten seiner chinesischen Nutzer in lokalen Datenzentren speichern, wo sie tendenziell dem Zugriff des chinesischen Staates zugänglich sind
(Mozur/Wakabayashi/Wingfield 2017; Pham 2018). Amazon ist noch weiter abgeschlagen: Während Alibaba (58,2 Prozent) und JD.com (16,3 Prozent) 75 Prozent des E-Commerce-Markts unter sich aufteilen, hatte Amazon 2018 einen geradezu
lächerlich kleinen Marktanteil von 0,7 Prozent (Brandt 2018). Im Zuge ihrer Expansionsbestrebungen sind die chinesischen Internetkonzerne zudem auch international vielerorts zu
direkten Konkurrenten der westlichen
Technologieunternehmen geworden. In Indien liefern sich Amazon und Alibaba beispielsweise seit geraumer Zeit einen erbitterten Preiskampf um den E-Commerce-Markt. In
Brasilien stehen sich die Ride-Hailing-Plattformen[4] Uber und Didi Chuxing indirekt[5] gegenüber – und dies, obwohl Uber nach jahrelangem Preiskampf und anschließender Einigung direkt an Didi beteiligt ist.[6]
Analytisch wichtiger in Bezug auf Fragen einer USamerikanischen Hegemonie, wie Schiller sie postuliert, ist es freilich zu verstehen, welche strukturierten Interessen hinter dem Aufstieg regionaler Leitunternehmen und Schlüsselindustrien stehen. Schillers These von der Absicherung wirtschaftlicher und kultureller Hegemonie im digitalen Kapitalismus impliziert eine gewisse Einheit von Staat und Wirtschaft auf den betreffenden Feldern: Nur wenn Leitunternehmen den Interessen eines spezifischen Staates zuarbeiten (und umgekehrt), kann dies dessen hegemoniale Stellung befördern. Was für die Geschichte des IKT-Sektors wahr ist – ich werde in Kapitel 2 ausführlich darauf zu sprechen kommen -, stimmt so für die Gegenwart nicht mehr ohne Weiteres. Der investive Staat ist heute in den etablierten Feldern der digitalen Ökonomie – insbesondere im kommerziellen Internet – längst nicht mehr die entscheidende Kapitalquelle. Das private Risikokapital, das das Wachstum und die globale Expansion der Internetkonzerne stützt, ist wiederum eine politisch nur sehr schwer und indirekt steuerbare Ressource. Während etwa Staatsfonds Kredite für Schlüsselindustrien oder Kapital für Forschung mit strategischem politischem Interesse vergeben können, ist Risikokapital nur in sehr geringem Ausmaß politisch kontrollierbar. So überrascht es nicht, dass praktisch alle führenden chinesischen Digitalunternehmen zu großen Teilen im Besitz ausländischer Kapitaleigner sind[7] (Jia 2018) und dass das Volumen US-amerikanischen Risikokapitals, das in chinesische Unternehmen investiert wird, kontinuierlich steigt. [8]
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Zeitgleich untersagt die Regierung in Washington im Namen der nationalen Sicherheit bestimmte Investitionen und Akquisitionen chinesischer Unternehmen in den USA.[9] Mit anderen Worten: Es gibt keine alles umfassende Einheit von Staat und Kapital, keinen »Stamokap 2.0« (Lovink 2017),[10] die es Ersterem ermöglichte, seine nationalen Interessen im globalen Maßstab auf dem Rücken privaten Risikokapitals durchzusetzen. Die Sache ist komplizierter, und es sieht in meinen Augen eher so aus, als sei der Staat im Grunde der große Verlierer des digitalen Kapitalismus. Das unleugbare Zusammengehen der Schlüsselunternehmen der Digitalisierung mit dem nationalen Sicherheitsstaat und dessen Entwicklung zu einer Kontrollinstanz im Zeichen der allgegenwärtigen Terrorismusabwehr sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Staat das wirtschaftspolitische Heft des Handelns in den gegenwärtigen Leitbranchen der Digitalisierung längst aus der Hand gegeben hat. Wir haben es (genau deswegen) einstweilen eben nicht mit digitaler Hegemonie zu tun, sondern mit digitalem Kapitalismus – auch wenn hier ebenfalls das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.
Konzentration durch Diffusion
Im Grunde stellt es sich so dar, dass aus der Diffusion digitaler
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Technologien in alle Arbeits-, Wirtschafts- und Lebensbereiche eben gerade keine Dezentralisierung oder Demokratisierung ökonomischer oder politischer Macht resultiert, sondern deren Konzentration. Im konsumentenzentrierten kommerziellen Internet kontrolliert eine sehr kleine Zahl sehr großer Unternehmen den Zugang zu Gütern, Dienstleistungen und Infrastruktur. Die großen »Metaplattformen« (Nachtwey/Staab 2017), Google (Android), Amazon, Facebook und Apple (IOS) (im Folgenden gelegentlich abgekürzt als Gafa) sind zu »Gatekeepern« (Dolata 2015) des kommerziellen Internets geworden, an denen Nutzer, aber auch Unternehmen und Regierungen kaum vorbeikommen. Bei ihnen laufen die Fäden zusammen, die sich wiederum immer weiter in sämtliche ökonomische Prozesse und private Lebenswelten erstrecken.
Diese Form der Machtkonzentration, in deren Verlauf die Metaplattformen zu entscheidenden Herrschaftsstrukturen geworden sind, ist aus meiner Sicht analytisch nicht angemessen durchdrungen. Von Seiten der kritischen Forschung, aber zunehmend auch aus den Sphären der institutionalisierten Politik und der demokratischen Öffentlichkeit wird immer häufiger auf den monopolartigen Charakter dieser Unternehmen hingewiesen. Zur Erklärung dieses Phänomens werden regelmäßig zwei Theoreme angeführt: Netzwerkeffekte (Shapiro/Varian 1999) und die vermeintlich gen Null tendierenden Grenzkosten digitaler Güter (vgl. Rifkin 2014).
Im kommerziellen Internet wirken auf der Angebotsseite spezifische Skaleneffekte, die auf systematisch sehr niedrigen Grenzkosten basieren: Bei den digitalen Produkten der Plattformen fallen zwar oft hohe Entwicklungskosten an, doch sind die Grenzkosten für die Produktion jeder weiteren Einheit (man denke an Software oder MP3-Dateien) äußerst gering. Das ermöglicht es den Unternehmen, große Mengen zu relativ niedrigen Stückpreisen zu veräußern oder diese gar – etwa mit der Zielsetzung langfristiger Kundenbindung – umsonst zur Verfügung zu stellen. Je größer eine Firma ist, desto höher sind zudem Kosten- und Geschwindigkeitsvorteile bei der
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Entwicklung neuer Produkte und in der Folge die Vielfalt des Portfolios, was zu einer systematischen Überlegenheit größerer Firmen gegenüber ihren kleineren Konkurrenten führt.
Auf der Nachfrageseite kommen zudem spezifische Netzwerkeffekte zum Tragen. Sie beruhen auf dem Umstand, dass der Nutzen vieler digitaler Produkte mit der Zahl ihrer User steigt. Google Maps liefert uns umso genauere Verkehrsdaten, je mehr Menschen ein Android-Smartphone mit sich führen. Facebook – das wohl prominenteste Beispiel für solche Effekte – ist für seine Nutzer umso wertvoller, je mehr andere Menschen sie dort für das Spiel der Beobachtung und Gegenbeobachtung vorfinden. Ist erst einmal eine kritische Masse von Nutzern »an Bord«, wird der Einstieg in das betreffende System also für immer mehr Leute attraktiv. Hat die Nachfrage nach einem erfolgreich etablierten Produkt erst einmal eine bestimmte Größenordnung erreicht, kommt ein sich selbst verstärkender Prozess in Gang. Auf diese Weise werden die Starken stärker und die Schwachen schwächer – ein klassisches Beispiel für einen »Matthäus-Effekt« (Merton 1968). Treten Skalen- und Netzwerkeffekte in Kombination auf, begünstigen sie die Konzentration von Macht und die Entstehung von Winner-takes-all-Märkten, in denen kleinere Konkurrenten den Anschluss verlieren bzw. zu abhängigen Zulieferern degradiert werden, weil sie ihre Produkte nicht an den Metaplattformen vorbei anbieten können, sondern nur über diese überhaupt Zugang zu potenziellen Usern erhalten.
Schumpeter im Internet
Was aus kritischer Perspektive häufig gegen die Metaplattformen gewendet wird, ist zugleich Bestandteil beinahe jeden Pitchs in der digitalen Ökonomie, also jeden Versuchs, Investoren für eine wirtschaftliche Unternehmung zu gewinnen. Das kritische Narrativ von den Monopolisierungsgefahren reproduziert dabei die
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Selbstbeschreibung des Feldes – nur eben spiegelverkehrt (vgl. Reitz 2017). In gewisser Weise reagiert der »Überbau« des Silicon Valley schon seit geraumer Zeit auf die potenzielle Kritik an den Konzentrations- und
Monopolisierungstendenzen. So hat beispielsweise Peter Thiel – Paypal-Gründer, früher Facebook-Investor, sagenumwobener Risikokapitalgeber und mittlerweile vor allem für seine
Unterstützung Donald Trumps während des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes 2016 und den Konsum von
Jungmenschenblut bekannt (Jacobs 2016; Bercovici 2016;
Cuthbertson 2018) – schon 2012 in seinem berühmten
Stanford-Seminar eine Ära kreativer Monopole beschworen (Thiel 2014). Anders als von der herkömmlichen
Wirtschaftstheorie erwartet, würden diese keineswegs
innovations- und verbraucherfeindlich agieren, sondern durch die Vernetzung von allem und jedem historisch ungekannte Effizienzpotenziale zum Nutzen der Konsumenten entfalten. So trügen Skalen- und Netzwerkeffekte zum Wohl der »consumer citizens« (Streeck 2012) der Gegenwart bei.
Als gedanklicher Pate dieser These kann der für viele Selbstbeschreibungen des Silicon Valley zentrale österreichische Ökonom und Chronist des Kapitalismus Joseph Schumpeter gelten. In der Internetökonomie der amerikanischen Westküste genoss Schumpeter in den letzten Jahren vor allem wegen einer bestimmten Lesart seiner Theorie des Unternehmers enorme Popularität (Schumpeter 1964 [1934]). Viele Digital-Entrepreneure der Gegenwart stellen ihr Motto »Move fast and break things« (wahlweise auch: »Don't ask permission. Ask forgiveness«) gerne als moderne Version von Schumpeters Theorem der schöpferischen Zerstörung dar (Schumpeter 1975 [1942]) und legitimieren damit ihr eigenes ökonomisches Heroentum.
Schumpeters Popularität mag nicht zuletzt darin begründet sein, dass er sich in seinem zweiten großen Buch Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie verhältnismäßig monopolfreundlich positionierte, jedenfalls im Kontext der politischen und akademischen Debatte in den USA seiner Zeit, die sich intensiv mit der Macht industrieller Großunternehmen beschäftigte – ähnlich wie es heute in Bezug auf die Leitunternehmen des digitalen Kapitalismus der Fall ist, allerdings unter gänzlich anderen Voraussetzungen: Die Leitunternehmen des industriellen Monopolkapitalismus, den Schumpeter vor Augen hatte, operierten in einer Ökonomie der Knappheit, weshalb die seinerzeit dominante Lesart ihnen das Problem zuschrieb, aus Gründen der Profitmaximierung ihre Kapazitäten nicht auszuschöpfen, sondern das Angebot künstlich knapp und damit den Wohlstand niedrig zu halten. Außerdem seien sie keine Triebkräfte technologischer Innovation, da sie sich vor allem um die Sicherung ihrer Monopolgewinne kümmerten und nicht um die verbraucherfreundliche Weiterentwicklung ihrer Produkte und Produktionsmethoden.
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Schumpeters Buch war eine Abrechnung mit dieser aus seiner Sicht realitätsfernen Lehre. Natürlich musste in einer Welt systematischer Knappheit vor allem sichergestellt werden, dass die Wirtschaft ihren maximalen Output auch wirklich lieferte. Um zu zeigen, dass die damals vielfach an die Wand gemalte Gefahr sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts empirisch nicht realisierte, justierte Schumpeter zunächst den damals wie heute überaus politischen Begriff des Monopols fein. In den Debatten seiner Zeit sei damit nicht im strengen Wortsinne der »einzige Verkäufer« eines bestimmten Produktes gemeint. Vielmehr artikuliere sich in der Popularität des Terminus ein Unbehagen seitens der Bürger und der politischen Klasse hinsichtlich der Akkumulation ökonomischer Macht in den Händen weniger industrieller Großunternehmen, die zueinander im Verhältnis »monopolistischer Konkurrenz« stünden (Schumpeter 1975 [1942]: 131).
Im zweiten Schritt argumentiert Schumpeter empirisch, die enorme Produktivität rational agierender Monopolunternehmen sei eine entscheidende Bedingung für die explosionsartige Zunahme erschwinglicher Massengüter. Schumpeter sieht durchaus das Risiko der Kontrolle von
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Konsumentenpreisen, betrachtet dieses aber als durch die angesprochene »monopolistische Konkurrenz« gebannt. Dennoch werde der Kapitalismus sukzessive an seinem eigenen Erfolg zugrunde gehen: Zwar werde die rationale Produktionsweise die Versorgung der Bevölkerung mit immer größeren Mengen industrieller Massengüter sichern; parallel erlösche jedoch die Unternehmerfunktion, deren sozialen Ursprung Schumpeter in der bürgerlichen Familie verortet, die sukzessive von den konsumorientierten Mittelschichten abgelöst werde. Die Leitunternehmen seiner Zeit garantierten folglich Wohlstand, setzten aber auf rationale Planung statt auf schöpferische Zerstörung, was letzten Endes zum Tod des Kapitalismus führen werde.
Anders als jene Apologeten des Silicon Valley meinen, die so gern aus dem siebten Kapitel besagten Buches zitieren, liefern Schumpeters Ausführungen keineswegs einen intellektuellen Freifahrtschein für die Tech-Riesen der Gegenwart. Man lernt von Schumpeter zwar, dass die nervös geführte Diskussion über digitale Monopole an ähnlichen Problemen krankt wie jene Debatten, zu denen der österreichische Ökonom Stellung bezog. So dominiert im kommerziellen Internet heute tatsächlich weniger die Logik des »einzigen Verkäufers« als jene der »monopolistischen Konkurrenz«, womit die Kontrolle der Verbraucherpreise einmal mehr nicht den entscheidenden Faktor für die Profite der Leitunternehmen darstellt.
Gleichwohl haben wir es mit neuen Prozessen der Konzentration ökonomischer Macht zu tun, die eine Neusortierung der Koordinaten einer an den Leitunternehmen der Gegenwart orientierten Kapitalismusanalyse notwendig machen. Eine solche Analyse kann von Schumpeter zwar eine spezifische Perspektive auf den Kapitalismus entlehnen, wird aber zu ganz anderen Schlussfolgerungen über dessen zentrale Probleme, Agenten, Funktionslogiken und Effekte gelangen: Den digitalen Kapitalismus darf man nicht vom Problem der Knappheit her denken, sondern aus einer Logik der Unknappheit. Seine Leitunternehmen sind keine rationalen Produzentenmonopole, sondern proprietäre Märkte. Seine