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Schließlich ist mit der zentralen Bedeutung privaten Risikokapitals für das Wachstum, die Strukturen, die Profitlogiken und die Marktrisiken in der Start-up-Ökonomie ein weiterer Punkt angesprochen, ohne den ein Verständnis der Entwicklung des digitalen Kapitalismus schlicht nicht möglich ist. Privates Risikokapital war und ist der zentrale Treibstoff, mit dem die Markteroberungen der Internetgiganten finanziert wurden. Bis in die Gegenwart prägt diese Kapitalsorte weltweit die Kalkulationen der um die Gafa-Sonnen kreisenden Start-up-Planeten. Aufgerufen ist damit zugleich eine für den weniger arbeits- und stärker vermögensbasierten Kapitalismus der Gegenwart zentrale Entwicklung, die dessen ungleichheitsverstärkende Dynamik stützt: Eine solche Welt ist im Kern nicht länger von einer nachfrageorientierten Ökonomie geprägt, sondern von der Frage, wie Renditen gesichert werden können. Bei seit Jahrzehnten abflachendem Wirtschaftswachstum wird diese Herausforderung für die Kapitalseite immer dringlicher. Die einzigen Märkte, die heute rasante Wachstumschancen bieten, sind jene, auf denen das private Risikokapital sein Heil sucht. Es erzeugt dabei die für Spekulationsmärkte typischen Risikokaskaden, die schon der
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Dotcom-Krise vorangingen und die letztlich einer Umverteilung von Arbeitseinkommen zu Vermögen zuarbeiten. Der digitale Kapitalismus hat, mit anderen Worten, nicht nur das Geldverdienen vom Finanzmarkt gelernt, sondern auch dessen Affinität zu ökonomischen und sozialen Krisen übernommen.
So sind mit der zentralen Bedeutung privaten Risikokapitals spezifische Effekte verbunden. Erstens ähnelt die gegenwärtige Situation stark den neunziger Jahren, als Unsummen privaten Risikokapitals in Technologie-Start-ups flossen. Die damals prägenden Exitorientierungen kennzeichnen heute gewichtige Teile der Start-up-Welt: Erneut sichern sich Investorinnen und Investoren großen Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen, indem sie durch bestimmte juristische Vehikel gezielt Intransparenz erzeugen und Gründern sowie ausgewählten Beschäftigten Gewinnbeteiligungen in Aussicht stellen. Auch heute gilt die Logik von Wachstumsmärkten: Unter den Bedingungen des Exitkapitalismus sind nicht länger die Produkte der Jungunternehmen das für den Handel bestimmte Gut, sondern Anteile an diesen Firmen.
Gleichzeitig lassen sich systematische Veränderungen in der Struktur des Exitgeschehens beobachten: Waren in den neunziger Jahren Börsengänge der übliche Kapitalisierungspfad, stoßen wir heute auf eine auffällige Dominanz der Akquisitionen. Risiken, die aus den Profitkalkülen der Kapitalgeber resultieren, werden daher nicht mehr verhältnismäßig schnell vom Markt bereinigt. Ob das Ausbleiben von Börsengängen trotz sprudelnder Investitionen lediglich darauf hindeutet, dass der betreffende Markt noch nicht so überhitzt ist, dass Investierende lieber den risikoreichen Weg über Börsengänge wählen, oder ob sich im Wandel der typischen Exitpfade eine neue Logik der Risikodistribution ankündigt, wird sich vermutlich in den nächsten Jahren zeigen. Wie eine große Zahl von Börsengängen (man denke an die neunziger Jahre) können auch wenige spektakuläre Mega-IPOs den Markt systematisch destabilisieren. Dies gilt insbesondere für die vielbeachteten
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Einhörner, die in den nächsten Jahren womöglich den Weg an die Börse suchen werden, gehen kritische Analysen doch davon aus, dass ein typisches Exemplar dieser Gattung nur halb so viel wert ist, wie die Marktbewertung anzeigt
(Gornall/Strebulaev 2017). Auch bzw. insbesondere diese
Überbewertungen sind Symptome eines von den Kalkülen des privaten Risikokapitals strukturierten Markts, in dem mit jeder Finanzierungsrunde neue Erwartungen an zukünftige Profite eingepreist werden, wodurch ein systemisches Risiko
geschaffen wird.
Die Verlagerung des Exitgeschehens von IPOs zu Akquisitionen tilgt dabei keineswegs jene Risiken, die sich bei Börsengängen relativ kurzfristig in Form von Kursstürzen und den sich üblicherweise anschließenden Kaskadeneffekten materialisieren: Folgt man Stefan Kühls Zyklentheorie des Exitkapitalismus, stehen wir heute kurz vor dem Ende einer bereits beinahe zehn Jahre andauernden Hochphase. Ohne die Transparenzeffekte von Börsengängen ist dabei zwar nicht ohne Weiteres ersichtlich, wo jene initialen Marktirritationen stattfinden sollten, die das Kartenhaus zum Einsturz bringen könnten. Solange die immer gleichen Innovationen in neuen diskursiven Gewändern verkauft und die Akquisitionsdynamik am Laufen gehalten werden kann, steht ein Austrocknen des Marktes für Unternehmensakquisitionen im Technologiebereich nicht zu erwarten.
Aus der Perspektive einer Analyse des digitalen Kapitalismus stellt sich dann die Frage, ob wir es womöglich mit einer systematischen Veränderung der Länge typischer Exitzyklen zu tun haben, wodurch andere Risikogruppen und Krisenerscheinungen in den Fokus rücken: Werden Exits eher über Akquisitionen realisiert, sind nicht länger Investoren die Hauptbetroffenen, vielmehr schleichen sich Risiken in die Bilanzen etablierter Unternehmen ein, was dann auch Folgen für ihre Beschäftigten haben kann. Gerade bei Start-ups schlagen entsprechende Orientierungen – unabhängig von der jeweiligen Exitform – direkt auf die Arbeitsqualität durch.
In einem übergeordneten Sinn muss die Frage nach der
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Krisenhaftigkeit des aktuellen Exitzyklus einstweilen offenbleiben: Ob sich die durch das Risikokapital systematisch erzeugten Risiken verhältnismäßig schnell im Anschluss an einzelne Börsengänge entladen oder ob sie durch Akquisitionen langsam, aber stetig in die restliche Ökonomie einsickern, wo sie Margen, Löhne und Wachstum drücken, wird die Zukunft zeigen. Gemeinsam ist den beobachtbaren Kapitaldynamiken jedenfalls, dass sie auf eine Verschärfung der sozialen Ungleichheit hinauslaufen. Ob faule Akquisitionen, riskante Mega-IPOs oder die geostrategische Neusortierung der Digitalmärkte – die beschriebenen Dynamiken deuten weniger auf eine Entwicklung hin, von der am Ende breite Schichten profitieren, als vielmehr auf Vermögenswachstum zulasten des Faktors Arbeit. Wir haben es aus diesem Blickwinkel beim kommerziellen Internet nicht mit dem Vorboten eines Postkapitalismus zu tun, sondern mit einer riskanten Akkumulationsmaschine, nicht mit einer Ökonomie der digitalen Allmende, sondern mit Finanzkapitalismus online.
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- Ein System proprietärer Märkte
»Der beste Weg, um eine lebendige, wirklichkeitsnahe Vorstellung der industriellen Strategie zu gewinnen, ist tatsächlich der, daß man das Verhalten neuer Konzerne und industrieller Unternehmungen ins Auge faßt, die neue Güter oder Prozesse einführen [...] oder sonst einen Industriezweig teilweise oder ganz reorganisieren«.
Schumpeter 1975 [1942]
Die Kapitaldynamiken, die sich nach dem Platzen der Dotcom-Blase um das Jahr 2000 und insbesondere nach der Weltfinanzkrise von 2008 in der digitalen Ökonomie entfaltet haben, markieren den Übergang von einem sich digitalisierenden zu einem genuin digitalen Kapitalismus, der mit dem kommerziellen Internet ein eigenes ökonomisches Gravitationszentrum ausgebildet hat. Anders als der industrielle Monopolkapitalismus, den Schumpeter vor Augen hatte, haben wir es im kommerziellen Internet zu großen Teilen mit Ökonomien der Unknappheit zu tun.
In solchen Ökonomien der Unknappheit entstehen Probleme zunächst vor allem auf der Angebotsseite des Marktes: Güter, die nicht knapp sind, können nur durch künstliche Verknappung in kapitalistische Handelswaren verwandelt werden. Gelingt dies, eröffnen sich freilich unvorstellbare Möglichkeiten der Profitakkumulation. Dinge zu verkaufen, bei deren Herstellung kaum Kosten anfallen, ist sicherlich der Traum einer jeden kapitalistischen Unternehmung. Unknappheit ist allerdings nur die eine Seite einer Konstellation, in deren Rahmen die Leitkonzerne ihre globale Bedeutung sukzessive steigern konnten.
Die andere Seite lässt sich einer Analyse der politischen Ökonomie des Postfordismus entlehnen. Wiederum in kategorialem Unterschied zum industriellen
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Monopolkapitalismus haben wir es heute nicht so sehr mit dem Problem der Unterproduktion, sondern vielmehr mit relativen Marktsaturierungen und entsprechend mit Unterkonsumption zu tun. Schon lange bevor das Problem der Unknappheit mit der Digitalisierung sukzessive virulenter wurde, zeigten sich in den Kapitalismen der OECD-Welt vor allem auf der Nachfrageseite systematische Krisenerscheinungen.
Fragt man in analytischer Absicht nach dem Schwerpunkt jenes ökonomischen Programms, das insbesondere die Leitunternehmen des digitalen Kapitalismus verkörpern, kann man dieses als Antwort auf die doppelte Problematik verstehen, vor die der Kapitalismus durch die Saturierung der Märkte und das Problem der Unknappheit gestellt ist. Beide Herausforderungen werden, wie ich in diesem Kapitel zeigen werde, mithilfe eines Modells bearbeitet, das ich als proprietäre Märkte bezeichne. Auf diesem Modell basieren das implizite Wachstumsversprechen, das die digitale Ökonomie zu einem Magneten für Investitionskapital hat werden lassen, sowie der Aufstieg ihrer Leitkonzerne zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Bevor man jedoch das Programm proprietärer Märkte im Detail ausbuchstabieren kann, muss man verstehen, vor dem Hintergrund welcher politischen Ökonomie das kommerzielle Internet zum Heilsbringer eines an säkularen Stagnationstendenzen leidenden Kapitalismus werden konnte.
Politische Ökonomie der Digitalisierung
Der ausgebaute Wohlfahrtsstaat, die Demokratisierung der Produktion, die Expansion politischer und sozialer Anrechte und sozialer Bindungen (Dahrendorf 2007) – all diese Institutionen entstammen einer historisch einmaligen Wachstumsphase, die in den meisten betroffenen Ländern kaum länger als zwanzig Jahre dauerte (Streeck 2011) und die in der historischen politischen Ökonomie häufig als Fordismus
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bezeichnet wird. Lässt man durchaus relevante
Ungleichzeitigkeiten zwischen einzelnen Staaten außer Acht, kann man festhalten, dass die entwickelten Ökonomien der OECD-Welt zwischen Anfang der fünfziger und Mitte der
siebziger Jahre von hohen Wachstumsraten profitierten. Diesem Wachstum lag eine Kombination bestimmter Faktoren
zugrunde, die sich in verschiedenen nationalen Kontexten unterschiedlich entfalteten.
Um diese Entwicklung besser zu verstehen, muss man sich eine Einsicht der Regulationstheorie vor Augen führen (Aglietta 2015; Boyer/Durand 1993). Auch wenn die nationalen Kontexte variieren mögen, sind stabile Phasen kapitalistischer Entwicklung doch stets von drei Elementen geprägt: erstens einem Akkumulationsregime, also einer spezifischen Weise der Profitgenerierung – im Fordismus die Kombination von Massenproduktion und Massenkonsum. Eine bedeutende Komponente des Akkumulationsregimes ist zweitens das ihm zugrunde liegende Produktionsmodell, also eine spezifische Beziehung zwischen der Produktionsorganisation, der Produktund Wettbewerbspolitik sowie den Arbeitsbeziehungen (Boyer/Durand 1993; Boyer/Freyssenet 2003; Brinkmann 2011; Dörre/Brinkmann 2005). Hier geht es um den dominanten Modus der Produktion – im Fordismus die stilbildenden tayloristischen Verfahren -, die Art und Weise, wie sich Unternehmen zu ihren Märkten verhalten und welche Innovations- und Wettbewerbsstrategien sie verfolgen – im Fordismus: standardisierte Massengüter und großbetriebliche Konkurrenzverhältnisse -, sowie die jeweilige Ausgestaltung des Sozialvertrags zwischen Kapital und Arbeit – im Fordismus die sukzessive Expansion betriebsbürgerlicher Anrechte (Müller-Jentsch 2009; Dahrendorf 1965). Drittens werden die produktions- und akkumulationsbezogenen Aspekte von einem Regulationsmodus flankiert, womit im Kern die Strukturierung sozioökonomischer Zusammenhänge durch den Staat, aber auch ideologische Legitimationsmuster gemeint sind. Im fordistischen Regulationsmodus kommt hier dem Wohlfahrtsstaat und der korporatistischen Einhegung der
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Gewerkschaften der entscheidende Stellenwert zu. Gegen Ende der sechziger Jahre geriet der Motor des Fordismus zunehmend ins Stottern, was sich wenig später auch in einem Einbrechen der Wachstumsraten niederschlug (Schaubilder 2 und 3).
Diese sanken quer durch die OECD-Welt von drei bis zehn Prozent auf die heute üblichen null bis zwei Prozent. Die initiale Krise des Fordismus hatte dabei insbesondere damit zu tun, dass die dynamische Kopplung von Massenproduktion und Massenkonsumption nicht mehr reibungslos funktionierte. Die sich aus der Umstellung auf tayloristische Verfahren und standardisierte Massenprodukte ergebenden Produktivitätsgewinne waren erschöpft; die »grundlegende[n] Bedürfnisse größtenteils gedeckt« (Streeck 2012: 30).
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Schaubild 2: Reales Bruttoinlandsprodukt in sechs Industrienationen, jährliche Wachstumsrate (in %), gleitender Zehnjahresdurchschnitt