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Digitaler Kapitalismus - Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit

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dass das Unternehmen ein effektives System der Lohnkontrolle implementiert, in dem, durch den Algorithmus geregelt, nur die kleine Gruppe der High-Performer überhaupt
Einkommensgewinne erzielen kann.

Es entsteht so ein »Kollektiv der Ungleichen« (Mau 2017), in dem Privilegien und Sanktionen derzeit noch vor allem gruppenspezifisch zugeteilt werden. Tendenzen einer zunehmenden Personalisierung sind aber bereits erkennbar: So verlieren beispielsweise nicht alle Low-Performer automatisch ihren Job. Der Status des jeweiligen Arbeitsvertrages wird als individualisierende Komponente miteinbezogen. Die Macht der Zahlen führt hier zu einer Art metrischer »Rechtfertigungsordnung« (Boltanski/Chiapello 2003), mit der Inklusion und Exklusion aus betrieblichen Zusammenhängen legitimiert werden.

Dilemmata der Quantifizierung

Mit der Verfeinerung von Tracking-Technologien bildet eine immer individuellere Quantifizierung von Teilhaberechten und Leistungsbezügen den logischen Horizont dieser Entwicklung: Im Konsumentenbereich experimentieren erste Versicherungen bereits mit Fitness-Trackern, die nicht nur den objektiven Output einer Person vermessen, sondern auch die damit zusammenhängende Anstrengung. Es kann für die Prämienbemessung schließlich einen Unterschied machen, ob eine Person beim Joggen an ihre körperlichen Grenzen kommt oder ob der Puls noch im Ruhebereich bleibt. Versicherungen wollen auf diesem Weg Beiträge individuell zuschneiden. Solche Technologien lassen sich natürlich auch auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anwenden. Puls und Transpirationsverhalten verraten zum Beispiel, wie sehr Beschäftigte sich angestrengt haben, um eine bestimmte Leistung zu erbringen. Wäre es da nicht fair, diesen subjektiven Anstrengungsfaktor in die Berechnung von Löhnen oder Boni einfließen zu lassen oder die Anforderungen an körperlich

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besonders fitte Mitarbeiter zu steigern?

Die Effekte solcher Entwicklungen für soziale Ungleichheit erschließen sich beispielhaft in Pionierfeldern der Quantifizierung der Arbeit, insbesondere im Profisport: Ein sehr gutes Beispiel dafür findet sich am Rande des Silicon Valley, allerdings nicht in einem der großen Technologieunternehmen, sondern beim Major-League-Baseball-Team der Oakland A's. In seinem 2003 erschienen Buch Moneyball. The Art of Winning an Unfair Game (der gleichnamige Film mit Brad Pitt kam 2011 in die Kinos) zeichnet Michael Lewis nach, wie die Mannschaft trotz eines kleinen Budgets große Erfolge feiert, als der Manager Billy Beane auf neue Technologien setzt. Beane entwickelt eine komplexe Methode zur Vermessung der Leistung von Baseballspielern. Da Baseball eine hochgradig formalisierte Sportart ist, in der die Spieler Aktionen häufig relativ allein bestreiten, kann der Manager mittels ambitionierter Datenanalysen den Einfluss einzelner Teammitglieder auf die Gesamtbilanz ermitteln. Es stellt sich heraus, dass als durchschnittlich erachtete Athleten oft überraschend wertvoll sind.

Mit der Adaption dieser Logik quer durch die Liga wurden allerdings auch deren nichtintendierte Effekte im Bereich der Einkommensverteilung sichtbar. Dies lässt sich nachvollziehen, weil die Gehälter von Major-League-Baseball-Profis seit 1985 offengelegt werden müssen. Wie der Politikwissenschaftler Willie Gin zeigen konnte (2018), kam es im Zuge der Moneyball-Revolution zu einer Art Marktversagen, man könnte auch sagen, dass der Faktor Arbeit in eine Zwickmühle geriet: Obwohl durchschnittliche Rollenspieler wichtiger – in ökonomischen Termini: produktiver – wurden, weil ihr eigentlicher Wert erkannt und sie daher häufiger eingesetzt wurden, fielen ihre Löhne in Relation zur individuellen Leistung. Die ökonomische Logik dahinter ist unschwer zu erkennen: Die immer granularere Leistungsvermessung brachte ans Licht, dass Spieler, die man vorher kaum dem Mittelfeld zugeordnet hätte, mit Blick auf ihre Produktivität genau

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dorthin gehörten. Informationskontrolle hat so den Pool an verfügbarer Arbeitskraft in der Mitte der Talenthierarchie vergrößert, was sich in stärkerer Konkurrenz und letztlich Lohndruck niedergeschlagen hat (ebd.) – mit anderen Worten: Die Teammanager sind nun besser in der Lage, die Preise zu kontrollieren.

Symbiosen aus Markt- und Beschäftigtenkontrolle

Ähnliche Dynamiken zeigen sich auch am anderen Ende der Einkommensstruktur, insbesondere bei den einfachen
Dienstleistungen des Internetzeitalters. Gig-Economy- oder Crowdsourcing-Plattformen, die beispielsweise Fahrradkuriere, Programmierer oder Personal für einfache Textdienstleistungen vermitteln (vgl. Pongratz/Bormann 2017; Benner 2015; Huws et al. 2017), sind längst ein alltäglicher Bestandteil moderner Servicewelten. Da sie selbst keine »physical assets« brauchen - ein Ride-Hailing-Unternehmen unterhält keinen Fuhrpark, wer Reinigungskräfte nur vermittelt, muss keine Putzmaterialien vorhalten -, spricht Nick Srnicek (2018) hier von »leanen«, also schlanken Plattformen. Analytisch betrachtet, handelt es sich dabei gewissermaßen um Zwitterwesen: Einerseits sind die Personen, die hier die eigentliche Arbeit verrichten, Kunden der Plattformen, auf deren Vermittlungsdienstleistungen sie angewiesen sind. Andererseits übernehmen Firmen wie Uber oder Deliveroo für ihre »Kunden« Aufgaben, die üblicherweise Arbeitgeber für ihre Beschäftigten erledigen. So wickeln sie etwa den Zahlungsverkehr für die Fahrerinnen und Fahrer ab. Gleichzeitig üben die Plattformen aber durchaus Kontrolle über den Arbeitsprozess aus. In dieser Hinsicht sind die
Arbeitskräfte eben keine »Kunden«, vielmehr ähnelt die
Beziehung dann doch wieder regulären
Beschäftigungsverhältnissen.

Während klassische Produzentenunternehmen gegenüber ihren Angestellten auch nichtmarktliche Verpflichtungen

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eingehen und sie bei temporären Umsatzflauten nicht einfach entlassen können, betrachten die Crowdsourcing-Plattformen Arbeit als externen Faktor, den es mittels der aus dem kommerziellen Internet bekannten Strategien zu kontrollieren und zu steuern gilt. Wer Zeit hat, Kurierjobs zu übernehmen, loggt sich über die entsprechende App ein und meldet sich arbeitsbereit. Ist der Markt gerade gesättigt, erhält sie oder er aber schlicht keine Aufträge und damit keine Bezahlung. Auch die Ergebnisse der standardmäßig durchgeführten Ratings werden eingesetzt, um den Zugang zu kontrollieren: Wer einen bestimmten Wert unterschreitet, wird blockiert. Beobachten die Algorithmen ein spezifisches Profil der Inaktivität (dessen Zuschnitt wiederum vollkommen intransparent ist – Stichwort: Informationskontrolle), schaltet eine Firma wie Uber die entsprechenden User automatisch ab. Die Kontrolle von Informationen und Zugang ermöglicht es also, auch die Kosten des Faktors Arbeit weitgehend zu beherrschen. Marktkontrolle wird zu Lohnkontrolle[45].

Dies zeigt sich auch am Beispiel von Plattformen, die auf den ersten Blick keine große Ähnlichkeit mit der Gig-Economy haben, etwa beim Videoportal Youtube. Die Werbeeinnahmen dieser Firma hängen stark von den hoch frequentierten Kanälen besonders prominenter Youtuber ab. Diese Personen bilden einen großen Teil der Produzentenseite dieses Marktes, denn sie erzeugen die Aufmerksamkeit, die Google, die Muttergesellschaft von Youtube, kapitalisiert. Besonders einflussreiche Youtuber können in Deutschland mehrere Tausend Euro im Monat mit ihren Videokolumnen verdienen. Doch auch hier kontrolliert die Plattform letztlich die Preise für Arbeit, und Änderungen am Redistributionsalgorithmus, der die Beteiligung am Werbegeld regelt, können dabei schnell dramatische Folgen haben. Als Youtube beispielsweise im Frühjahr 2018 seine Werbestrategie ohne Absprache mit Content-Produzenten änderte, verloren viele Youtuber bis zu drei Vierteln ihres bisherigen Verdiensts (N.N. 2018d) – ein weiteres Beispiel des Zusammenhangs von Markt- und Lohnkontrolle.

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Die Preissetzungsalgorithmen der Plattformen bilden den heiligen Gral der Kostenkontrolle. Dabei handelt es sich um streng gehütete Firmengeheimnisse, da Investoren die Robustheit der Algorithmen als entscheidend für den Wert der Unternehmen betrachten (Solomon 2015, zitiert nach Shapiro 2018: 2961). Änderungen erfolgen dabei nach Gutdünken, die Arbeitskräfte haben in der Regel keinerlei Mitsprache. Manche Lieferplattformen bestimmen beispielsweise die Bedingungen für Trinkgelder, indem sie in der Bezahl-App bestimmte Werte vorgeben (10, 15 oder 20 Prozent). Andere schließen die Möglichkeit von Trinkgeldern in der App grundsätzlich aus – Uber führte diese Option erst sieben Jahre nach der Unternehmensgründung und auf öffentlichen Druck hin ein. Für die Fahrer ist dies von enormer Bedeutung (Shapiro 2018: 2960), da Trinkgelder im Servicebereich nicht selten ein Drittel der Einkommen ausmachen. Auch der eigentliche Kalkulationsprozess ist ein wichtiger Faktor, wie sich etwa bei den Essenslieferdiensten zeigt: Modelle, die sich an der zurückgelegten Strecke orientieren und nicht an der Zeit, die ein Kurier für die Dienstleistung braucht, können in urbanen Gegenden mit vielen Hochhäusern systematische Nachteile haben, da der Weg innerhalb der Häuser nicht berücksichtigt wird (ebd.). Man fühlt sich unweigerlich an Karl Marx erinnert, der Ausbeutung als den Diebstahl von Arbeitszeit definierte.

Der Reservearmeemechanismus in der digitalen Ökonomie

Algorithmen zur Zugangs- und Preiskontrolle sind aber nur der technische Hintergrund eines komplexen sozialen Prozesses. Erfolgreich eingesetzt werden können sie nur, wenn auf dem Arbeitsmarkt die passenden Bedingungen herrschen. Wo proprietäre Märkte auf eine große Zahl von Produzenten angewiesen sind, die sie in Konkurrenz zueinander setzen können, nutzen Crowdworking-Plattformen systematisch einen »Reservearmeemechanismus« (Marx 1962 [1867]: 650-677;

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Butollo 2016). Nur ein relatives Überangebot an Arbeitskraft erzeugt jene Marktsituation, auf deren Basis ein ruinöser Wettbewerb zwischen den Beschäftigten inszeniert werden kann. Ob entsprechende Strategien erfolgreich sind, hängt auch von der Arbeitslosigkeitsrate und von politischen Rahmenbedingungen ab, der Existenz eines Mindestlohns etwa oder der Höhe wohlfahrtsstaatlicher Mindesttransfers. Die Erweiterung des Arbeitskraftangebots ist jedenfalls die Sollbruchstelle für den langfristigen Erfolg solcher Plattformen (vgl. Srnicek 2018).

Es gibt freilich deutliche Hinweise, dass die Unternehmen sehr erfolgreich darin sind, eigenständig Konkurrenz unter Arbeitskräften zu entfachen. In der Gig-Ökonomie kommen zu diesem Zweck diverse Strategien zum Einsatz. Wenn Kurierdienste – wie heute in den meisten Fällen üblich – den Fahrern bei der Auftragsvergabe zunächst Informationen über den Lieferort vorenthalten, soll dies die Quote der abgelehnten Aufträge reduzieren (vgl. Shapiro 2018: 2959), um ein möglichst umfassendes Arbeitskraftangebot aufrechtzuerhalten. Auch Strategien wie das bereits angesprochene Surge- oder »Blitz«- Pricing schlagen in diese Kerbe. Hier werden überdurchschnittliche Entlohnungen in Aussicht gestellt, vorgeblich, um in Situationen großer Nachfrage das Angebot zu erhöhen. Faktisch geht es dabei jedoch um das Herstellen eines Überangebots (ebd.: 2963): Fahrer erhalten dann zwar höhere Sätze, wegen der größeren Konkurrenz um Aufträge kommen aber weniger bezahlte Transaktionen zustande, was den Stundenverdienst effektiv drückt (ebd.) – man fühlt sich unweigerlich an die Kontrolle der Angebotsseite auf proprietären Märkten erinnert.

Während bei Kurierdiensten der Pool an potenzieller Arbeitskraft regional begrenzt ist, können andere Aufgaben im Rahmen digitaler Heimarbeit überall auf der Welt erledigt werden, was eine Einbeziehung des Globalen Südens erlaubt. Schätzungen zufolge waren 2017 weltweit siebzig Millionen Menschen in der sogenannten »remote gig-economy« tätig (Heeks 2017), die jährliche Wachstumsrate belief sich auf

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26 Prozent (Kässi/Lehdonvirta 2016). Eine Studie der University of Oxford ergab, dass 54 Prozent der Befragten ein
Unterangebot an Aufträgen beklagten (nur zwanzig Prozent widersprachen dieser Aussage) (Wood et al. 2019). Dieses
Unterangebot ist natürlich nur die andere Seite eines
Überangebots, das es den Plattformen ermöglicht, die Preise zu kontrollieren. Den Arbeitskräften ist diese Situation durchaus bewusst: 44 Prozent der Befragten beschrieben sich als leicht ersetzbar (ebd.). Besonders eindrücklich lässt sich der
Wahrheitsgehalt dieser Annahme am Beispiel des zuletzt rasant wachsenden Marktes des Data-Labeling für die
Automobilindustrie veranschaulichen. Um die
Bilderkennungsalgorithmen zu trainieren, die für das
angestrebte autonome Fahren von entscheidender Bedeutung sind, müssen Unmengen an Verkehrsbildern präzise
kategorisiert werden. Diese Arbeit verrichten in aller Regel Crowdworker. Die Arbeit wird global verteilt, die Topverdiener in diesem Bereich kommen auf einen Stundenlohn von ein bis zwei Dollar (Schmidt 2019: 40). Im Jahr 2018 ließ sich auf den wichtigsten Plattformen ein rasanter Anstieg von
Crowdworkern aus Venezuela beobachten. Sie machten dort zum Zeitpunkt einer Untersuchung von Florian Schmidt rund 75 Prozent der Besucher aus (ebd.: 42). Im Land herrschte zu der Zeit Hyperinflation und Nahrungsmittelknappheit – gute Voraussetzungen für niedrige Arbeitskosten.

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  1. Privatisierter Merkantilismus, Ungleichheit und Konflikt

Wir haben uns in den letzten Kapiteln ausführlich mit der Rolle des Staates bei der Entstehung der digitalen Ökonomie, den dieses Feld prägenden Kapitaldynamiken, dem stilbildenden Akkumulationsparadigma des digitalen Kapitalismus sowie mit dessen Filiationen im Bereich der Lohnarbeit beschäftigt. Es ist nun Zeit, diese Stränge zusammenzuführen.

Wiederum kann uns Schumpeter helfen, die Konturen des digitalen Kapitalismus klarer zu beschreiben, indem wir versuchen, die bisherigen Analysen im Kontrast zu jenem industriellen Monopolkapitalismus scharf zu stellen, den der österreichische Ökonom vor Augen hatte. Beide kapitalistischen Konstellationen teilen das Merkmal eines hohen Maßes an Machtkonzentration bei den jeweils führenden Unternehmen, weshalb man, ein wenig voreilig, vermuten könnte, der digitale Kapitalismus sei lediglich der Wiedergänger jener industriellen Monopolkonstellation, die Schumpeter in Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie beschrieb. Wir haben es heute freilich mit neuen Prozessen der Konzentration ökonomischer Macht zu tun, die eine Transformation der entscheidenden Koordinaten einer an den Leitunternehmen der Gegenwart orientierten Kapitalismusanalyse notwendig machen. Schumpeter können wir dabei eine spezifische Perspektive entlehnen, die Probleme, Agenten, Funktionslogiken und Effekte zueinander in Verbindung setzt.

Nutzen wir dieses Repertoire, kommen wir allerdings zu ganz anderen Schlussfolgerungen als seinerzeit Schumpeter: Den digitalen Kapitalismus sollte man nicht (wie Schumpeter den Industriekapitalismus) vom Problem der Knappheit her denken, sondern aus einer Logik der Unknappheit. Seine Leitunternehmen sind keine rationalen Produzentenmonopole, sondern proprietäre Märkte, deren Kernoperation in der Extraktion ökonomischer Renten besteht. Seine Dynamik speist sich daher weniger aus der Logik unternehmerischen Handelns, als vielmehr aus den Kalkülen von Rentiers. Ziel ist nicht die maximale Produktion, sondern die Kapitalisierung eigentlich unknapper Güter. Effekt dieser Konstellation ist nicht das Sterben des Kapitalismus, wie es Schumpeter einst erwartete, sondern die Radikalisierung seiner Grundzüge, insbesondere der sozialen Ungleichheit.

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Mit dieser knappen Zusammenfassung ist eine doppelte Diagnose verbunden. Erstens kann man versuchen, die beschriebene Konstellation zeitdiagnostisch auf den Punkt zu bringen. Der digitale Kapitalismus ist dann nicht primär eine vollkommen neue Form von Kapitalismus,[46] in der vorher unbekannte oder weniger ausgereifte Technologien eine ganz neue Ökonomie erzeugen. Wir werden vielmehr Zeugen der Wiederkehr einer recht ursprünglichen Form von kapitalistischer Akkumulation, wenn auch im neuen Gewand hochmoderner Technologien. Der Begriff, den ich hierfür vorschlagen möchte, ist der des privatisierten Merkantilismus. Zweitens sind wir damit in der Lage, die sozialen Effekte der skizzierten Dynamiken wesentlich genauer zu beschreiben. So können wir nun insbesondere die in den voranstehenden Kapiteln geäußerte Diagnose einer dem digitalen Kapitalismus immanente Verschärfung sozialer Ungleichheit analytisch als eine Logik der Rentenextraktion konkretisieren.

Privatisierter Merkantilismus

Der Begriff des Merkantilismus wird in der politischen Ökonomie der Gegenwart häufig zur Beschreibung der Wirtschaftspolitik Deutschlands und Chinas verwendet – konkret: für die Kombination einer exportorientierten Industriepolitik mit inländischer Lohnzurückhaltung (vgl. Höpner 2016). Ich beziehe mich hier dagegen stärker auf eine Analogie zwischen frühkapitalistischen Phänomenen und der unternehmerischen, nicht der staatlichen, Praxis der Gegenwart.

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Historisch ist mit dem Begriff Merkantilismus zweierlei verbunden: Zum einen wird der Merkantilismus, wie er sich zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert entwickelte, als die erste einigermaßen umfassende Wirtschaftstheorie verstanden. Diese verzweigt sich allerdings in diverse Varianten, die nur einige basale Gemeinsamkeiten aufweisen. Die wichtigste Gemeinsamkeit ist dabei die Funktion, den Reichtum absolutistischer Herrscher zu mehren. In diesem Sinne wird der Merkantilismus, im Anschluss an Adam Smiths einflussreiche Kritik (Smith 2013 [1776]), im gegenwärtigen ökonomischen Mainstream als hochgradig fehlerhafte Theorie, aber auch als Wegbereiter der auf ihn folgenden »wahren« liberalen Wirtschaftstheorie verstanden.

Zum anderen ist mit dem Merkantilismus freilich schlicht jene frühkapitalistische Praxis ökonomischen Handelns aufgerufen, die die politische Ökonomie vorliberaler europäischer Staaten (vgl. Magnusson 2015; Stern/Wennerlind 2013) und im 17. Jahrhundert zunächst insbesondere die Wirtschaftspolitik Englands und Frankreichs prägte (Arrighi 1994: 145; Horrocks 2017 [1925]). Den ideologischen Kern dieser Praxis bildet ein Verständnis der Weltwirtschaft als Nullsummenspiel: Wollte ein Staat Wohlstand erringen, musste er diesen einer anderen Partei abpressen. Das zentrale Mittel dieser Übervorteilung war der Handel, das entscheidende Ziel die aktive Handelsbilanz – konkret: Exporte von Manufakturwaren mussten mehr einbringen als der Import von insbesondere Rohmaterialien kostete.

Warum der Handel als entscheidender Mechanismus der Akkumulation und warum als Nullsummenspiel? Die Antwort auf diese Frage versteckt sich in der Wirtschaftsstruktur dieser Epoche: Mit dem Entstehen komplexerer Manufaktursysteme