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Dynamik speist sich weniger aus der Logik des unternehmerischen Handelns als vielmehr aus den Kalkülen von Rentiers. Ziel ist nicht die maximale Produktion, sondern die Kapitalisierung eigentlich unknapper Güter. Der entscheidende Effekt dieser Konstellation ist nicht das Absterben des Kapitalismus, sondern die Radikalisierung seiner Grundzüge, insbesondere der sozialen Ungleichheit. Schumpeter wird unter diesen Bedingungen nicht zu einem Propheten des wirtschaftlichen Aufstiegs durch ökonomische Machtkonzentration, die letztendlich in den Sozialismus führt, sondern zu einer Quelle der intellektuellen und praktischen Kritik des digitalen Kapitalismus.
Märkte in Privatbesitz
Diese Kritik muss ihren Ausgangspunkt in einer Analyse der Leitunternehmen des digitalen Kapitalismus und ihrer Verflechtungen mit der politischen Ökonomie der Gegenwart nehmen. Den operativen Kern des digitalen Kapitalismus bildet aus dieser Perspektive ein System proprietärer Märkte.
Die Kombination niedriger Grenzkosten, systematischer Netzwerkeffekte und – nicht zu vergessen – der strukturellen Bedeutung privaten Risikokapitals erklärt zweifellos einen Teil der Machtkonzentration im kommerziellen Internet. Man braucht diese Faktoren, um zu verstehen, wie es zum Aufstieg der Leitunternehmen gekommen ist. Ein analytischer Begriff des digitalen Kapitalismus muss allerdings vor allem die Frage beantworten, was die digitalen Monopole der Gegenwart auszeichnet oder ob wir es lediglich mit einem Wiedergänger des klassischen Monopolkapitalismus zu tun haben, wie ihn Schumpeter und andere im Blick hatten.
Vieles spricht heute auf den ersten Blick für eine Aktualisierung dieser These. Oft basierten klassische Monopolisierungsprozesse des Industriezeitalters auf sogenannten »natürlichen Monopolen« (Varian 1997), mit denen die Leitunternehmen des digitalen Kapitalismus auf den ersten Blick durchaus etwas gemein haben. Natürliche Monopole beruhen, was ihre materialen Voraussetzungen anbelangt, auf extrem hohen Fix- und im Vergleich dazu deutlich geringeren variablen Kosten. Telekommunikation, Energie- und Wasserversorgung sowie die Eisenbahn basierten auf einer teuren Infrastruktur, die eigentlichen Güter oder Dienstleistungen waren nach der Etablierung der infrastrukturellen Voraussetzungen allerdings verhältnismäßig günstig herzustellen bzw. zu erbringen. Die sich daraus ergebenden Skaleneffekte stellten schwer zu bewältigende Herausforderungen für Konkurrenten dar (Nachtwey/Staab 2015).
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Man könnte meinen, dies gelte auch für die digitalen Geschäftsmodelle, die mittlerweile auf eine globale Infrastruktur aus Server-Farmen, Unterseekabeln und anderen Bausteinen angewiesen sind. Aber ist der Aufbau der Suchmaschine Google wirklich mit ähnlich hohen Investitionen verbunden gewesen wie der Anschluss des Westens der USA an das Eisenbahnnetz? Vermutlich nicht. Die Infrastruktur des Internets (in der Hülle des existierenden Telefonnetzes) bestand ja bereits, als der Suchalgorithmus programmiert wurde – wenn auch nicht in ihrer heutigen Form. Man musste keine Schienen verlegen, sondern »nur« Verbindungen zwischen unterschiedlichen Orten indexieren. Die Leitunternehmen des kommerziellen Internets sind erst nach ihrem Aufstieg sukzessive auch zu Anbietern materieller Infrastruktur mit relevanten Fixkosten geworden, ein Punkt, den ich in Kapitel 4 ausführlich erläutern werde. Für den Augenblick genügt es festzuhalten, dass wir es bei den Leitunternehmen der Digitalisierung weder mit Naturgewalten zu tun haben noch mit Anbietern von Gütern, die mit hohen Fixkosten belastet sind. Vielmehr kapitalisieren diese Unternehmen bis heute vor allem »First-Mover-Dividenden«, die sie sich durch das Halten relevanter Patente und die Kombination der oben beschriebenen Effekte sichern können.
Die Leitunternehmen des kommerziellen Internets sind also keine natürlichen Monopole im klassischen Sinn der Wirtschaftstheorie, und sie unterscheiden sich, so das zentrale Argument dieses Buches, noch in einer weiteren Hinsicht systematisch von »Monopolen«, wie etwa Schumpeter sie analysierte. Klassische Monopolunternehmen agieren auf Märkten; die Leitunternehmen des digitalen Kapitalismus hingegen sind Märkte. Dieser für eine systematische Theorie des digitalen Kapitalismus konstitutive Unterschied hat erhebliche Implikationen.
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Klassische Monopolunternehmen dominieren ihre jeweiligen Branchen, weil sie dort der einzige oder führende Anbieter eines bestimmten Produktes oder einer Dienstleistung sind, so dass sie die Preise kontrollieren können. Das kann zulasten der Kundinnen und Kunden gehen. Daher wachen Kartellbehörden darüber, ob Unternehmen ihre Marktmacht ausspielen.
Die Leitunternehmen des kommerziellen Internets hingegen agieren gar nicht mehr wirklich auf Märkten, deren Mechanismen sie verzerren – jedenfalls ist das für ihre Entwicklung nicht der springende Punkt. Sie sind diese Märkte – und dies in einem sehr umfassenden Sinn. Was das bedeutet, kann man sich am Beispiel der avanciertesten Vertreter dieses Fachs, der Gafa-Gruppe, klarmachen: Googles Suchmaschine agiert nicht auf einem herkömmlichen Markt. Nutzer sind keine Kunden, denn sie bezahlen nicht für ihre Suchanfragen. Auch bei den Anbietern, deren Webseiten in einer Ergebnisliste angezeigt werden, findet zunächst keine Preiskontrolle statt – wobei dies natürlich nicht für die auf den obersten Plätzen angezeigten Werbeeinblendungen gilt. Bei Facebook verhält es sich nicht groß anders. Die Kunden dieser Plattformen sind Unternehmen, die Werbung schalten, und hier haben Google und Facebook tatsächlich eine gewisse Preiskontrolle inne bzw. können sich zumindest aneinander orientieren. Entscheidend ist jedoch vor allem die Größe des jeweiligen User-Stammes, denn Werbekunden kaufen Reichweite. Um User zu halten bzw. neue User zu generieren, werden die Angebote praktisch vollständig aus den Werbeeinnahmen quersubventioniert, was sich freilich kaum als verbraucherschädliches Verhalten
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bezeichnen lässt.
Insbesondere in der Geschichte von Google kann man beobachten, wie die Firma auf eine immer größere Varianz innerhalb ihres Angebots gesetzt hat, um User in ihr Netzwerk zu integrieren: Zur Suchmaschine kamen – auch durch Firmenkäufe – der Kartendienst (Maps), das Gratis-E-Mail-Konto (Gmail), das soziale Netzwerk (Google+),[11] der Cloud-Speicher (Drive) und zahlreiche weitere Anwendungen hinzu. Der entscheidende Meilenstein war dabei der Kauf von Android Inc. (2005) und die Präsentation des ersten Android-Betriebssystems für Mobilgeräte (2008) sowie des zugehörigen App-Stores. Bei Smartphones hat Android heute einen globalen Marktanteil von um die achtzig Prozent (Gartner 2018, Statcounter 2019a). Betriebssystem und App-Store dienen als Basis diverser hauseigener Dienstleistungen, aber auch als Ort, an dem Drittanbieter eigene Produkte einstellen können. Hier kommen Produzenten und Konsumenten zusammen. Hier ist ein Markt mit stetig und systematisch wachsendem Angebot. Der Kern der Metaplattform des Unternehmens ist weniger die Suchmaschine oder eine andere der zahlreichen Anwendungen als vielmehr ein proprietärer Markt, der im Grunde mit dem Unternehmen als Ganzem identisch ist.
Im Vergleich zu klassischen Produzentenmonopolen, wie sie Schumpeter analysierte und verteidigte, materialisiert sich die Macht des Marktbesitzers in verschiedenen Formen der Kontrolle: über Informationen, Zugang, Leistungen und Preise – und zwar sowohl in Richtung der Produzenten als auch der Konsumenten. Diese Kontrollformen, auf die ich in den Kapiteln 4 und 5 ausführlich eingehen werde, bilden die Basis der effektiven Durchsetzung einer Provisionslogik, die wiederum die Basis des Profitmodells auf proprietären Märkten bildet: Wie sich am Beispiel des Google-App-Stores zeigen lässt, bedeutet Zugangskontrolle erstens, dass das marktbesitzende Unternehmen nach eigenem Ermessen entscheiden kann, welchen Produzenten Zugang zum privaten Markt gewährt wird und unter welchen Bedingungen dies geschieht. Diese Bedingungen regeln zweitens über ein
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Provisionsmodell die Verteilung der Profite. Googles App-Store beispielsweise erhebt für alle dort getätigten Transaktionen eine Kommission in Höhe von 30 Prozent der Einnahmen.
Die Kombination aus Zugangskontrolle und Provisionsmodell ist der Schlüssel zum Verständnis proprietärer Märkte: Denn erstens kann, wer exklusiv über den Zugang entscheidet, seine Provision im Grunde nach Belieben festsetzen. Zweitens machen sich die marktbesitzenden Unternehmen den Mechanismus von Angebot und Nachfrage auch insofern zunutze, als sie sich darüber auch in anderer Hinsicht systematische Vorteile verschaffen: Ist das Produkt eines Drittanbieters auf der eigenen Plattform zu teuer, um für Käufer attraktiv zu sein, können die Plattformunternehmen Konkurrenzangebote erstellen, die um den Anteil der üblichen Provision günstiger sind. Amazon etwa ist unter Produzenten eher berüchtigt als berühmt für diese Strategie.
Auf die eine oder andere Weise trifft die Logik proprietärer Märkte auf alle Konzerne des Gafa-Komplexes zu, ohne dass einer von ihnen gänzlich auf dieses Modell reduziert werden könnte. Facebook ist zuvorderst ein soziales Netzwerk – aber es ist eben auch zu einer Art Markt für Informationen geworden, über den die Mehrheit der Menschen Nachrichten bezieht (Shearer/Gottfried 2017). Amazon verdient exorbitante Summen mit seiner Cloud-Sparte Amazon Web Services, stellt aber zugleich dasjenige Gafa-Unternehmen dar, in dem über die eigene Handelsplattform die Logik der Kapitalisierung durch Marktbesitz am stärksten durchgesetzt ist und nach wie vor am nachdrücklichsten verfolgt wird. Amazon steht dabei für den Versuch, das Modell proprietärer Märkte aus dem enger gefassten Bereich des kommerziellen Internets in die Welt der materiellen Dinge zu übersetzen. Das Unternehmen muss entsprechend mit wesentlich höheren Fixkosten kalkulieren, was erklärt, weshalb es – besser gesagt: seine E-Commerce-Sparte – eine deutlich niedrigere Profitrate hat als Google, Apple und Facebook. Apple ist auf den ersten Blick ein Unternehmen, das noch am ehesten Ähnlichkeiten mit herkömmlichen Produzenten aufweist, da es die überwiegende
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Mehrheit seiner Gewinne mit dem Verkauf von Endgeräten erwirtschaftet. Allerdings war Apple mit dem Ipod und dem angebundenen Itunes-Store auch der Pionier des Profitmodells, und der App-Store ist nicht nur der Inbegriff eines umfassenden proprietären Markts, sondern auch eine schnell wachsende und immer wichtiger werdende Profitquelle. Mit anderen Worten: Mein Argument lautet nicht, dass die Leitunternehmen des kommerziellen Internets auf ihre Rolle als proprietäre Märkte reduziert werden können. All diese Unternehmen sind viel mehr. Für einen analytischen wie auch zeitdiagnostisch relevanten Begriff des digitalen Kapitalismus ist dennoch der Faktor des Marktbesitzes entscheidend. Denn hier verbirgt sich eine empirisch noch unvollendete, aber dennoch historisch signifikante Bewegung innerhalb des stetigen Prozesses kapitalistischer Transformation, die in ihrer Funktion und Bedeutung ein qualitativ neues Phänomen darstellt und bislang noch nicht hinreichend verstanden ist: Es bedarf keiner analytischen Begriffsarbeit, um zu verstehen, wie in hoch entwickelten Kapitalismen mit Hardware (Apple), Werbeflächen (Google, Facebook) oder der Vermietung von Infrastruktur (Amazon Web Services) Geld verdient wird. All dies geschieht auf Märkten, deren Funktionen bekannt sind. Dass Unternehmen jedoch darauf zielen, mit diesen Märkten deckungsgleich zu werden, stellt eine Bewegung dar, die höchstens gewisse Ähnlichkeiten zu früh- bzw. »protokapitalistischen« (Kocka 2017) Stadien aufweist, etwa den staatlich garantierten Handelsmonopolen des Merkantilismus (mehr dazu in Kapitel 7).
Mein Kernargument in diesem Buch lautet, dass das Umschlagen klassischer Monopolstrategien in die Logik proprietärer Märkte erstens systematisch kaum verstanden ist, zweitens den analytischen Kern einer Bewegung ausmacht, die zahlreiche diffuse Phänomene versammelt, die landläufig unter dem Begriff der Digitalisierung verhandelt werden, und dass drittens am Ende dieser Bewegung mit Fug und Recht von einem digitalen Kapitalismus als dominierendem Produktionsmodell zu sprechen wäre.
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Von Wintel zu Gafa
Das Modell proprietärer Märkte stellt, wie ich in Kapitel 4 ausführlich zeigen werde, auch in der Geschichte des IKT-Sektors eine qualitativ neue Entwicklung dar. Der Gafa-Komplex unterscheidet sich beispielsweise systematisch vom ersten Quasimonopol der digitalen Ära, dem Duo Microsoft und Intel.
Als sich Ende der achtziger Jahre Microsofts Windows als Standardbetriebssystem des PC-Zeitalters herausmendelte und das Unternehmen gleichzeitig eine systematische Partnerschaft mit dem Chip-Hersteller Intel einging, begann die Dominanz von Wintel über den PC-Markt. Von nun an konnte das Duo den Hardware-Produzenten relativ strenge Vorschriften machen: ohne verbauten Intel-Chip kein gut laufendes Betriebssystem, ohne Windows-Kompatibilität keine nachgefragten Intel-Chips. Wintel wurde, unter anderem in Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof, Preiskontrolle gegenüber den Hardware-Produzenten vorgeworfen, wobei gegen beide Unternehmen mehrmals Strafzahlungen in Rekordhöhe verhängt wurden (Wilkens 2004; Europäische Kommission 2006; 2009; Spiegel online 2008; N.N. 2013). In dieser Hinsicht steht bereits am Take-off-Point der digitalen Ökonomie eine gewisse Form der Marktkontrolle. Diese war im Wintel-Modell allerdings auf den PC-Bereich beschränkt. Seine Marktmacht ermöglichte es Wintel dabei, einen vergleichsweise hohen Anteil an den im PC-Markt auflaufenden Profiten für sich zu reklamieren.
Wintel war damit gleichzeitig »größer« und »kleiner« als die Konzerne des Gafa-Komplexes: Werden Leitunternehmen des kommerziellen Internets heute als Monopole bezeichnet, wird häufig übersehen, dass ihre Fähigkeit zur Preissetzung durch die Kontrolle relevanter Teilmärkte in der Regel wesentlich unvollständiger durchgesetzt ist als dies für Wintel im PC-Markt galt. Nur in bestimmten Teilmärkten haben wir es heute wirklich mit Monopolen zu tun: Google etwa hat mit einem
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globalen Marktanteil von rund neunzig Prozent im Januar 2019 ein Quasimonopol auf die Internetsuche, Facebook mit einem globalen Marktanteil von knapp siebzig Prozent bei den
sozialen Netzwerken (Statcounter 2019c, 2019b). Betrachten wir jedoch Fragen der Preiskontrolle, zeigt sich, dass die zwei Unternehmen in Bezug auf Anbieter, die auf ihren Seiten
präsent sein wollen, in einem direkten duopolistischen
Wettbewerb auf dem Markt für Onlinewerbung stehen, wo nach wie vor 85 (Google) bzw. 99 Prozent (Facebook) der
Einkünfte erwirtschaftet werden.[12] Auch Amazon hält kein klares Monopol, wie es Wintel bis heute im PC-Markt hat. Das Unternehmen hat zwar in vielen Ländern (insbesondere in Nordamerika und Westeuropa) einen erklecklichen Anteil am E-Commerce-Markt; in den USA lag er Mitte 2018
schätzungsweise bei 49 Prozent; in Deutschland kam der
Versandhandelsriese 2017 auf etwa 46, in Frankreich auf knapp 19 und im Vereinigten Königreich 2018 auf 31 Prozent
(Thomas/Reagan 2018; HDE 2018; Bosteels 2018; Coresight 2019). Diese Zahlen verdeutlichen jedoch zum einen, dass Amazon nirgends einen Anteil von über fünfzig Prozent an den Umsätzen hat – auch wenn es häufig mit keiner Plattform im Wettbewerb steht, die über ein ähnlich umfassendes Angebot verfügt. Zum anderen ist Amazon gerade in
Wachstumsmärkten dem teilweise extremen Wettbewerb von Firmen wie Alibaba (China) oder Flipkart (Indien) ausgesetzt. Auch Apple hat zwar einen signifikanten Anteil am globalen Hardware-Markt, steht aber keineswegs außerhalb von
Konkurrenzverhältnissen.
Auf der anderen Seite war Wintel aber eben auf einen spezifischen Teil des IKT-Sektors beschränkt und von den Größenordnungen der Gafa-Gruppe weit entfernt. So machen – Stand Oktober 2017 – die Gafa-Unternehmen zusammen heute dreimal so viel Umsatz wie das Wintel-Duo (Evans 2017). Vergleicht man die Unternehmensgruppen gar zu deren jeweiligen Hochzeiten (2001 für Wintel, 2016 für Gafa), verzeichnen die Gafa-Unternehmen gar 10-mal so viel Umsatz (ebd.). Sie haben »soziotechnische Ökosysteme« (Dolata 2015)
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errichtet, die von einer stetig wachsenden Vielfalt des Angebots gekennzeichnet sind. Das hat Effekte für produzierende Unternehmen auf der einen und Kunden auf der anderen Seite: Gegenüber den Produzenten haben die proprietären Märkte, wie eben beschrieben, enorme Macht. Taucht eine spezifische App nicht im Google- und im IOS-App-Store auf, existiert sie im Prinzip nicht. Die Tatsache, dass mit den beiden Stores immerhin zwei Märkte vorhanden sind, schmälert die Marktmacht der beiden Unternehmen nicht wesentlich, da es sich kaum eine App leisten kann, auf die Interoperabilität zwischen beiden Systemen zu verzichten. Gleiches gilt für den Amazon-Marketplace, der für kleine und mittlere Akteure des Internetversandhandels unverzichtbar geworden ist.
In den vergangenen Jahren sind mehr und mehr Güter und Dienstleistungen in den Strudel der proprietären Märkte geraten. In der Folge haben die marktbesitzenden Unternehmen immer stärkeren Zugriff auf immer mehr Bereiche der Wertschöpfung erhalten. Wintel verdiente über Gebühr am PC-Markt. Die Gafa-Unternehmen hingegen haben längst große Teile der gesamten Ökonomie in ihre proprietären Netze integriert: von der Unterhaltungs- und Medienindustrie über Onlinespiele und Apps bis hin zu im Grunde allen Gütern des Hardware-Bereichs und des täglichen Gebrauchs. Immer neue Branchen geraten in ihren Fokus: Arbeitskraftvermittlung, Mobilitätsdienstleistungen, Lebensmitteleinzelhandel etc.
Mit Blick auf die Konsumenten besteht das übergeordnete Ziel des Aufbaus soziotechnischer Ökosysteme darin, sie systematisch an die jeweiligen proprietären Märkte zu binden. Die geschieht einerseits, indem die Notwendigkeiten, ein System zu verlassen, reduziert werden, weil alle im kommerziellen Internet verfügbaren Güter innerhalb eines Ökosystems bezogen werden können; andererseits werden die »Switching-Costs« für einen Wechsel zwischen verschiedenen Ökosystemen erhöht (Dolata 2015). In dieser Strategie verbirgt sich eine Bewegung, in der sich die Vermachtung des kommerziellen Internets bündelt: Bisher haben wir es bei den
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Metaplattformen größtenteils »nur« mit proprietären Marktplätzen zu tun. Passen den Konsumenten die Konditionen eines spezifischen Marktplatzes nicht, können sie im Prinzip zu einem anderen wechseln und müssen dabei in der Regel lediglich gewisse Komforteinbußen hinnehmen. Mit dem Aufbau soziotechnischer Ökosysteme ändert sich diese Logik und mit ihr auch der analytische Charakter der betreffenden Unternehmen: Sie werden für ihre User zu jener Instanz, die wir in der Regel als den Markt bezeichnen, also den universellen Ort für wirtschaftliche Transaktionen.
Nach dem Neoliberalismus: Die Privatisierung des Marktes
Der Markt als übergeordnetes Konzept der Organisation und Ordnung wirtschaftlicher Aktivitäten ist nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch zentral, wenn man versucht, sich der Gestalt einer spezifischen historischen Variante des Kapitalismus zu nähern (vgl. Aspers 2015; Fligstein/Dauter 2007). Auf den ersten Blick mag die Zentralität des Marktkonzeptes bei der Vermachtung des kommerziellen Internets wie die logische Fortsetzung der vergangenen Jahrzehnte erscheinen. Ist nicht die Ausweitung des Marktes auf immer neue Felder das entscheidende Kennzeichen jener gemeinhin als neoliberal bezeichneten Formation gewesen, die sich seit den frühen achtziger Jahren in den meisten Ökonomien der OECD-Welt durchgesetzt hat (Stichwort: Kommodifizierung)? Der Markt als politisch hergestelltes Konkurrenzverhältnis (Baccaro/Howell 2017) zwischen »nationalen Wettbewerbsstaaten« (Hirsch 1995), als Disziplinierungsinstrument für Arbeitskräfte in Betrieben (Brinkmann 2011; Sauer 2010), als Mittel zur Erschließung neuer Wachstumsfelder im Bereich der öffentlichen und privaten Daseinsfürsorge (Butterwegge/Lösch/Ptak 2017) – kein Theorem war wohl so zentral für die Reorganisation des globalen Kapitalismus seit den achtziger Jahren, wobei damit freilich noch nichts über die effektive Herstellung von Verhältnissen der freien Konkurrenz im real existierenden Neoliberalismus gesagt ist.