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Digitaler Kapitalismus - Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit

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hielten in Europa erst langsam nennenswerte
Effizienzsteigerungen Einzug (Kocka 2017). Die
Produktivitätsgewinne dieser Wirtschaftsform waren freilich noch recht gering. Es dominierte eine vorindustrielle
Ökonomie, geprägt von »der Koexistenz zwischen der
Starrheit, Trägheit und Schwerfälligkeit einer noch
elementaren Wirtschaft und den zwar begrenzten und noch selten auftretenden, aber zugleich auch lebhaften und sogar machtvollen Bewegungen eines modernen Wachstums«
(Braudel 2016 [1976]: 15). Treibstoff dieser ersten »machtvollen Bewegungen«, die die weitgehend stagnierende Weltökonomie erschütterten, war das Kaufmannskapital (Kocka 2017). Dass dieses primär in den Handel floss, ist in einer von nur geringem Wachstum geprägten Welt wenig überraschend: Profite
oberhalb der moderaten Werte des existierenden
Wirtschaftswachstums können in einer solchen Konstellation schließlich nur gemäß einer Logik des ungleichen Tauschs erzielt werden.

Auch die historischen Wurzeln der kapitalistischen Großunternehmung finden sich in dieser Konstellation im 16. Jahrhundert (vgl. Arrighi 1994), insbesondere in Form der großen Handelsmonopole, die in der Regel Privatunternehmungen mit staatlich garantierten Privilegien waren (Stern 2013). Trading Companies wie der British East India Company wurden von deren Herkunftsstaaten nicht nur Handelsmonopole für bestimmte Gebiete und/oder Produkte gewährt (ebd.), sondern häufig auch das Recht, Truppen auszuheben, um die eigenen Interessen in Übersee zu schützen bzw. durchzusetzen (Wallerstein 1998 [1980]).

Die Leitunternehmen des klassischen Merkantilismus waren also Ausdruck einer von staatlichen Interessen getragenen mixed economy. Gleichzeitig waren sie eines der beiden zentralen Elemente der Marktpolitik dieser Zeit: In den Außenhandelsbeziehungen setzen die Staaten (unter anderem) auf Handelsmonopole – Unternehmungen also, die jener sozialen Form, die Fernand Braudel als Anti-Markt (contremarché) bezeichnete und als wahre Natur des Kapitalismus

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verstand, historisch besonders nahe kamen (vgl. Braudel 1986 [1979]).[47] Nach innen, insbesondere im verarbeitenden Gewerbe, wurden hingegen häufig freie Produzentenmärkte gefördert. Die Marktkräfte sollten hier einerseits die Effizienz steigern und andererseits die Konsumentenpreise niedrig halten, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Die Formel der politischen Ökonomie des Merkantilismus lautete: Beherrsche den Handel, um die Kontrolle von Produktion und Konsumption zu ermöglichen.

Als Kinder der industriellen Moderne haben wir uns heute so sehr daran gewöhnt, die Basis sowohl unseres Wohlstandes als auch der Entwicklung der sozialen Ungleichheit von den Effekten des technologischen Wandels her zu denken, dass wir uns eine Wiederkehr merkantilistischer Strukturen wohl noch im Bereich der internationalen Handelspolitik vorstellen können (Stichwort: Handelskriege), nicht aber als Leitmotiv der technologischen Rekonfiguration des Kapitalismus. In unserem Alltagsverstand – und womöglich ist diese kollektive Imagination in Deutschland besonders ausgeprägt – bildet Technologie eine Quelle steigender Effizienz, sie ist der Grund, warum wir mit immer weniger Aufwand immer mehr erreichen können. Es wäre sinnlos zu bestreiten, dass Produktivitätswachstum die Basis allen ökonomischen Wohlstands ist. Kaum jemand könnte sich hierzulande ein Automobil leisten, das in Handarbeit und zu in Deutschland üblichen Lohnkosten gebaut würde, und auch der merkantilistische Staat des 17. Jahrhunderts wollte mit der Kontrolle des Außenhandels letztlich den Aufbau einer (produktiveren) inländischen Manufaktur- oder protoindustriellen Wirtschaft ermöglichen.

Dennoch entspringt diese tiefsitzende
Produktivitätsgläubigkeit[48] einer historischen Situation, die
eher jener ähnelt, die Schumpeter in Kapitalismus, Sozialismus,
Demokratie beschrieb, als der Gegenwart der digitalen
Weltökonomie. Kann der Zusammenhang von technologischer
Entwicklung, Produktivitäts- und in der Folge
Wohlstandsgewinnen für die Hochzeit des Fordismus als belegt

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gelten, so wird es mit dem Ende dieser Konstellation doch weitaus komplizierter. Zum einen werden im Zeichen der säkularen Stagnation der Weltwirtschaft zu Recht laute Zweifel an den erwarteten Produktivitätsgewinnen der Digitalisierung formuliert (vgl. Gordon 2016). Zum anderen tritt mit den beschriebenen Charakteristika der Leitkonzerne des digitalen Kapitalismus das merkantilistische Motiv des Handelsgewinns auf der Unternehmensseite überdeutlich in Erscheinung. So durchbrechen die dargestellten Entwicklungen klar den eisernen Käfig des industriellen Denkens. Dagegen werden zahlreiche systematische Parallelen zur ökonomischen Logik des Merkantilismus sichtbar: Angesichts der säkularen Stagnationstendenzen der Weltwirtschaft befinden wir uns möglicherweise weit näher an einer Situation der »Starrheit, Trägheit und Schwerfälligkeit«, wie sie Braudel für Formen »einer noch elementaren Wirtschaft« beschrieb. Dass in einer solchen Situation die stilbildenden kapitalistischen Unternehmungen auf den Handelsgewinn gerichtet sind, ist heute so plausibel wie im 17. Jahrhundert. Das Risikokapital der Gegenwart übernimmt dabei die Rolle, die seinerzeit dem Kaufmannskapital zukam, das ebenfalls eng mit dem Staat verknüpft war. Beides richtet sich in Ermangelung »echter«, das heißt produktivitätssteigernder, Anlagemöglichkeiten auf die Extraktion von Profiten durch Handelsmonopole.

Der entscheidende Unterschied besteht in der Gegenwart freilich in der Frage, wer die Gewinner dieser Entwicklung sind. War der klassische Merkantilismus eine Operation von Segen und im Interesse des Staates, ist der digitale Kapitalismus eine Unternehmung marktgleicher Konzerne, die zwar von einem investiven Staat profitieren (vgl. Kapitel 2), zur allgemeinen Wohlstandmehrung aber selbst kaum etwas beitragen. Jenseits der mangelhaften Redistribution über Steuern ist dabei vor allem die Anwendung merkantilistischer Strategien von entscheidender Bedeutung – wenn auch in veränderter Form. Im klassischen Merkantilismus sollte die Kontrolle des Außenhandels dem Aufbau einer kompetitiven Marktökonomie im Inneren dienen, der Handelsgewinn den

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Aufbau einer mittelständischen Manufakturökonomie als Basis einer produktiveren Marktökonomie ermöglichen. Die
Geschädigten dieses Programms saßen in der
weltökonomischen Peripherie, wo die Handelsmonopole teils mit roher Gewalt ihre Interessen durchsetzten (vgl. Wallerstein 1998 [1980]).

In der Weltökonomie der Gegenwart verbreitern sich nun einerseits die Peripherien der digitalen Handelsgiganten in einem Ausmaß, das im ursprünglichen Merkantilismus nicht vorstellbar gewesen wäre. Zugleich fällt der Staat als Profiteur des Handelsgewinns weitgehend aus, wodurch er nicht länger in der Lage ist, etwaige Gewinne im öffentlichen Interesse einzusetzen. Vielmehr reproduziert sich die Ausplünderung der Peripherie in den kapitalistischen Zentren. Sie ist heute im Begriff, sich sukzessive auf die Welt der Produzenten im Allgemeinen auszuweiten.

Digitale Quellen sozialer Ungleichheit

Wir haben es dabei hinsichtlich der Entwicklung sozialer Ungleichheit mit vier analytisch unterscheidbaren, empirisch aber eng zusammenhängenden Dynamiken zu tun: der Aneignung öffentlicher Güter, der Erzeugung finanzieller Risikokaskaden, der Appropriation von Renten aus Marktbesitz und der Enteignung von Arbeit.

Kommodifizierung öffentlicher Güter

Wie gezeigt, basiert die Expansion der digitalen Ökonomie zu einem eklatanten Teil auf einem investiven Staat, der durch die Förderung von Grundlagenforschung, durch das Stiften öffentlichen Risikokapitals sowie durch die Bereitstellung von und Investitionen in Infrastruktur den Aufstieg des kommerziellen Internets erst ermöglicht hat. Die Kritik hieran zielt auf den Umstand, dass ausgerechnet die Leitunternehmen eines Wirtschaftszweigs, der in erheblichem Ausmaß von staatlicher Förderung profitiert hat, kaum Steuern entrichten. So gelang es, um nur einen exemplarischen Fall zu nennen, Amazon für das Geschäftsjahr 2018 einmal mehr, bei einem Rekordgewinn, der sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt hatte, in den USA praktisch keine Steuern zu entrichten (Kolokythas 2019).[49] Während die öffentliche Hand als initialer Risikokapitalgeber in Vorleistung geht, profitiert also am Ende beinahe ausschließlich der private Sektor. Wir haben es hier folglich zum Teil mit leistungslosen Einkommen zu tun, weil private Investoren die Renditen risikoreichen staatlichen Handelns ernten (vgl. Mazzucato 2019). Im Prinzip stellt das eine Aneignung öffentlicher Mittel dar, die jene Kombination »privaten Reichtums und öffentlicher Armut« (John Kenneth Galbraiths) mit erzeugt, die man exemplarisch in der Bay Area rund um San Francisco besichtigen kann und die zuletzt einige Beobachter kritisiert haben (vgl. Aisslinger 2016; Morozov 2018; Rötzer 2018; Voss 2018).

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Auch in einem noch basaleren Sinne gehört die Kommodifizierung öffentlicher Güter zum Akkumulationsprogramm des digitalen Kapitalismus. Dies betrifft zunächst vor allem die Privatisierung der Telekommunikationsinfrastruktur in der OECD-Welt, die in den achtziger Jahren Fahrt aufnahm. Provider-Unternehmen verfügen heute über enorme Macht (vgl. Winseck 2017). Auch wenn es am Ende nicht sie waren, die zu den dominierenden Konzernen des digitalen Kapitalismus aufstiegen, stehen sie doch für die Aneignung der digitalen Infrastruktur durch privatwirtschaftliche Akteure.

Die Übernahme von Infrastruktur und das free riding auf öffentlichen Investitionen bildet auch heute wieder einen Schwerpunkt der laufenden Landnahme der digitalen Ökonomie. So haben die Leitunternehmen neuerdings ein Auge auf Bereiche geworfen, die aufs Engste mit der öffentlichen Daseinsvorsorge verbunden sind. Der Ausbau der Cloud-Dienste beispielsweise dient nicht nur der Abrundung ihrer Marktfunktion (vgl. Kapitel 4), sondern auch der Kontrolle von

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Bereichen, die für den öffentlichen Sektor von basaler
Bedeutung sind. Die öffentliche Hand soll nicht nur in die angebotenen Sensoriksysteme der Smart City investieren, sondern anschließend sollen die betreffenden Gemeinden oder andere interessierten Parteien auch die gesammelten Daten kaufen. Der Gesundheitssektor steht ebenfalls seit Jahren im Fokus; insbesondere Google setzt trotz diverser Rückschläge nach wie vor auf diesen Bereich (vgl. Landeweerd/Spil/Klein 2013). Die Ausstattung amerikanischer Schulen mit Hard- und Software ist ein weiteres umkämpftes Feld, in dem wiederum Google und Apple seit Jahren um Marktanteile wetteifern. Schließlich dringen die Konzerne, wie ich in Kapitel 5 gezeigt habe, immer weiter auf das Hoheitsgebiet der
Telekommunikationsprovider vor, indem sie beispielsweise in Leitungsnetze investieren (Winseck 2017). Diese Felder eint dabei nicht nur der Umstand, dass sie sinnvolle Erweiterungen der soziotechnischen Ökosysteme darstellen. Wir stoßen hier erneut auf die Ausrichtung der Leitunternehmen auf staatliche Investitionen und öffentliche Nachfrage. Mit den in vielen Ländern anlaufenden staatlichen Programmen zum Aufbau möglichst erfolgreicher KI-Cluster und der Rückkehr der Industriepolitik wird diese Entwicklung in die nächste Runde gehen.

Nicht nur in der Rückschau bildet also die Verwandlung öffentlichen Wohlstandes in private Renditen einen Kernbestandteil des digitalen Kapitalismus. Dieser Prozess ist mit der erfolgreichen Konsolidierung der digitalen Ökonomie keineswegs abgeschlossen. Wir haben es hier schon allein deshalb mit einer ungleichheitsverstärkenden Entwicklung zu tun, da die öffentlichen Mittel, die in die Internetökonomie fließen (aber nicht in gleichem Maß wieder zurück), für staatliche Umverteilungsmaßnahmen nicht mehr zur Verfügung stehen.

Risikokaskaden

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Profiteure dieser Entwicklung sind nicht nur die Unternehmen, sondern vor allem auch die Risikokapitalgeber (vgl. Kapitel 3), die sich im Feld der digitalen Ökonomie tummeln. Sie sammeln die Renditen ökonomischer Risiken ein, die sie nur zum Teil selbst getragen haben und denen sie sich zudem durch die im Maschinenraum des Finanzkapitals wirkenden Mechanismen des Risikotransfers entziehen. Betroffen sind davon vor allem, wie ebenfalls in Kapital 3 gezeigt, die schwächsten Glieder einer Anteilseignerstruktur. Damit stellen die Leitkonzerne die neoliberale Idee der Trickle-down-Ökonomie vom Kopf auf die Füße. Dass die Deregulierung von Finanzmärkten und niedrige Steuern zu einem Kapitalfluss von oben nach unten führen, gehört bekanntlich zu den zentralen Glaubenssätzen der herrschenden Lehre. Die Finanzstruktur der digitalen Ökonomie basiert zwar auf solchen Kaskadenkonstruktionen - nur fließt nicht primär Kapital, sondern vor allem Risiko nach unten.

Betrachtet man nicht nur typische Investitionsstrukturen, sondern bezieht auch Unternehmens- und Marktentwicklungen mit ein, wird deutlich, dass die Kaskadierung ökonomischer Risiken keineswegs bei den schwächsten Anteilseignern endet. Vielmehr sind vom Exitkapitalismus des Tech-Sektors in mehrerlei Hinsicht auch normale Beschäftigte betroffen. Schließlich stockt auch auf noch so raffinierten Verschiebebahnhöfen irgendwann der Verkehr. Im Finanzbereich ist dies der Moment, an dem ökonomische Risiken sich in finanziellen Verlusten materialisieren, wie etwa um das Jahr 2000 in Form des Dotcom-Crashs.

Einstweilen kann man über die Frage des »Wie?« etwaiger Marktbereinigungen nur spekulieren. In Deutschland, wo es in den letzten Jahren vergleichsweise wenige Börsengänge, dafür aber viele Akquisitionen gab, lässt sich beispielsweise vermuten, dass jene Risiken, die in Technologieunternehmen schlummern, zunehmend in die Restökonomie einsickern. Hier würden sie letztlich auch die Löhne drücken.[50] Blickt man dagegen auf die Situation des amerikanischen Technologiesektors, steht zu vermuten, dass in naher Zukunft weitere extrem hoch bewertete Unternehmen an die Börse streben werden. Die damit verbundenen Risiken allgemeiner Marktkorrekturen und eines Versiegens des derzeit noch steten Stroms privaten Venture Capitals träfen in einem solchen Szenario womöglich ebenfalls Beschäftigte und andere eher ressourcenschwache Gruppen – sei es, weil die betroffenen Start-ups keine Löhne mehr bezahlen könnten, sei es, weil institutionelle Investoren wie Pensionsfonds viel Geld verlören.

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Letztlich wären viele Arbeitende freilich selbst dann die Verlierer des Online-Finanzkapitalismus, wenn dessen Kalküle mittelfristig aufgingen. Die Digitalisierung der Arbeit im engeren Sinne wird weitergehen und auch in Zukunft im Zeichen des algorithmischen Managements stehen.

Marktrenten und die Kommodifizierung von Unknappheit

Jenseits der Dynamiken des Finanzsektors ist in herrschaftsanalytischer Hinsicht das Modell der proprietären Märkte die eigentliche soziotechnische Innovation des digitalen Kapitalismus. Darin liegt keinerlei historische Notwendigkeit. Kein technologischer Imperativ diktiert die soziale Form, die die Leitunternehmen des kommerziellen Internets annehmen. Das Leitmotiv ist kapitalistisch. Die Technologie wird lediglich zum Erfüllungsgehilfen des Kapitals auf der Suche nach Feldern überdurchschnittlichen Wachstums.[51]

Proprietäre Märkte sind zu großen Teilen digitale Infrastrukturen, das heißt, sie teilen die Materialität digitaler Güter: infinitive Skalierbarkeit, Nicht-Rivalität, letztlich also Unknappheit.[52] Verstehen wir Metaplattformen in diesem Sinne also zunächst als digitale Infrastrukturen, wird deutlich, dass sie, wie andere digitale Güter auch, zu sehr geringen Grenzkosten skalierbar sind. Wenn aber die Dienstleistung, die ein proprietärer Markt für seine Nutzer (Produzenten und Konsumenten) erbringt, von diesem praktisch zum Nulltarif zur Verfügung gestellt werden kann, lassen sich nichtmarginale

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Umsatzbeteiligungen, wie sie im Feld ja absolut üblich sind, letztlich nur als leistungslose Einkommen, also als Renten verstehen. Marktgleiche Unternehmen kapitalisieren daher primär Macht.

Um den Einfluss einzelner Unternehmen zu ermessen, blickt man im Kartellrecht üblicherweise auf ihre Fähigkeit, Verbraucherpreise zu diktieren: Ist ein Produzent der »einzige Händler« (Schumpeter 1975 [1942])? Schlägt sich dies in Preisen nieder, die durch nichts außer der Macht des Unternehmens gedeckt sind? Diese Perspektive geht im digitalen Kapitalismus am Kern des Phänomens vorbei. Denn proprietäre Märkte schöpfen Wert nicht durch überteuerte Produkte ab, sondern durch die »Besteuerung« der Markttransaktionen oder durch Sekundärverwertungen (Kapitel 3). Die entsprechende Abgabe haben die Produzenten zu entrichten. In einem wirklich ausgereiften Modell – die App-Stores von Google und Apple sind die besten Beispiele – können die Marktbesitzer ihre Margen nach Gutdünken setzen.

In einem allgemeineren Sinn besteht das damit aufgerufene Problem freilich weniger in dem Umstand, dass man die Profite der Marktbesitzer zu großen Teilen als leistungslose Einkommen verstehen kann. Es geht vielmehr um die Aneignung und Verteilung der im Feld anfallenden Profite. Marktbesitzrenten fließen natürlich zum Teil in die Einkommen der Beschäftigten der entsprechenden Plattformunternehmen. Vor allem jedoch haben sie zu enormen Kapitalreserven bei den Leitunternehmen geführt. Werden diese Ressourcen verwendet, dann in der Regel für die weitere Expansion oder auch – wie verstärkt in der jüngeren Vergangenheit – für den Rückkauf von Aktien, womit einmal mehr die eigenen Investoren bedient werden.

Egal ob als direkte Umsatzbeteiligungen oder über den Umweg der Werbeeinnahmen, die Profite der Handelsmonopole werden auf der Produzentenseite, das heißt beim Faktor Arbeit, abgeschöpft. Die Güter, für deren Vermittlung und Distribution die Plattformen ihre Gebühren erheben, müssen schließlich irgendwo hergestellt werden. Je weiter die Leitunternehmen dabei in immer neue Produktmärkte vordringen, desto mehr Teile der Ökonomie sind von dieser Dynamik betroffen: Zum einen wächst der Einzugsbereich der Plattformen, was größere Teile des Arbeitsmarktes in ihre Abhängigkeit bringt; zum anderen entfallen mit der Ausdehnung in die Welt der normalen, also immer auch knappen Dinge die Vorteile der Produzenten rein digitaler Güter, die bisher immerhin am Spiel der Kommodifizierung von Unknappheit beteiligt wurden.

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Enteignung von Arbeit

In der Summe laufen die beschriebenen Prozesse auf etwas hinaus, das man auf den Begriff der Enteignung von Arbeit bringen kann:[53] Beim Ernten der Früchte des
unternehmerischen Staates werden Steuerzahler benachteiligt, werden dabei doch schlicht Lohnabgaben in private Gewinne überführt. Beschäftigte sind auch in der Hinsicht zentrale Risikoträger dieser Dynamiken, als sie von der Volatilität, die privates Venture Capital im Markt systematisch produziert, weit stärker betroffen sind, da sie ihr ökonomisches Risiko kaum streuen können. Nachhaltige Profite lassen sich im Kontext schlanker digitaler Infrastrukturen zudem häufig nur auf Kosten der Arbeit erzielen, was sich insbesondere dort zeigt, wo die Quersubventionierung von Löhnen zum Zweck der Eroberung von Marktanteilen ausläuft und Unternehmen auf einmal profitabel wirtschaften müssen. In diesen Fällen werden die Gewinne der Anteilseigner letztlich aus
Lohnsenkungen finanziert. Ob dies langfristig überhaupt gelingt – und wann -, steht auf einem anderen Blatt. Zweifel an der ökonomischen Tragfähigkeit dieses Modells rufen freilich die bereits beschriebenen Risiken eruptiver
Unternehmenskrisen oder eines Platzens der Spekulationsblase auf. Konsolidierte proprietäre Märkte verstetigen dagegen den Transfer ökonomischen Wohlstands vom Faktor Arbeit zum Faktor Vermögen.