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Digitaler Kapitalismus - Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit

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Distribution digitaler Güter und seien sozial wünschenswert weil sie durch die systematische Integration diverser Produkte und Dienstleistungen Effizienz und Innovation versprächen – eine Leistung, die unter den Bedingungen eines dezentralen Internets nicht zu bewerkstelligen sei. Dass dabei Profite durch Monopolgewinne möglich werden, wird keineswegs verhehlt, sondern als Dienst an Menschheit und Wirtschaft dargestellt.

In solchen Selbstbeschreibungen des Silicon Valley wird allerdings immer wieder auch auf den vermeintlich volatilen Charakter der Ordnungsbildung auf digitalen Märkten hingewiesen. Die infinitive Skalierbarkeit, einfache Distribution und Nicht-Rivalität der Güter sowie die mit der Ordnungsbildung auf den entsprechenden Märkten verbundenen Netzwerkeffekte ermöglichen schließlich – zumindest theoretisch – immer neuen Unternehmen den schnellen Aufstieg und gefährden damit potenziell die Position der etablierten Konzerne. So haben sich gerade in den neunziger Jahren die Phasen großer Marktmacht einzelner Unternehmen als recht kurz erwiesen, man denke nur an den Aufstieg der Suchmaschine Google, die mit einem überlegenen Algorithmus den Marktführer Yahoo aus dem Feld schlug. Der entscheidende Begriff, der diese Erwartungen strukturiert, ist jener der »disruptiven Innovationen« (Christensen 1997): Wer sich auf den eigenen Erfolgen ausruht, kann angeblich in kürzester Zeit vom Markt gefegt werden. Der Begriff der Disruption hat ideologisch sicher hochgradig problematische Implikationen (vgl. Lepore 2014; siehe dazu auch Kapitel 3) und dient praktisch vor allem der Legitimation der Akkumulation enormer Risikokapitalsummen in der Start-up-Welt (Staab 2016). Zugleich hat diese Ideologie des radikalen Wandels aber auch ganz reale Effekte hinsichtlich der Absicherung jener Monopole und Oligopole, die sich in der Expansionsphase seit Mitte der neunziger Jahre entwickelt haben.

Die Internetgiganten der Gegenwart haben nämlich aus der Volatilität digitaler Monopole Konsequenzen gezogen. Sie setzen immer stärker auf den Aufbau geschlossener soziotechnischer Ökosysteme. Daten aus den Systemen von

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Apple und Google sind für Nutzer beispielsweise nur mit hohen Transaktionskosten konvertierbar. Ein Iphone oder Ipad bietet seinem Besitzer hohe Anreize, auch andere Produkte (Musik etwa) von Apple zu beziehen. Gleiches gilt für Googles Smartphone-Betriebssystem Android, das eine Vernetzung mit weiteren Google-Diensten ermöglicht, die für Nutzer viele Vorteile birgt. Sowohl Google als auch Apple investieren überdies in Technik für smarte Eigenheime, unterschiedliche Robotik-Firmen, vernetzte Automobile, KI-Technologien und den Ausbau der eigenen Cloud-Infrastruktur.

Allerdings geraten die Unternehmen, die ihre jeweiligen Kernmärkte (Google die Internetsuche, Amazon den E-Commerce etc.) bisher weitgehend ungestört dominierten, durch den Aufbau expansiver soziotechnischer Ökosysteme zunehmend in Konkurrenz zueinander (etwa im Bereich der Hardware, des Cloud-Computing oder bei Betriebssystemen). Wir haben es folglich auch im Internet mit oligopolistischen Marktstrukturen zu tun. In beiden Feldern werden so exorbitante Profite möglich. Nicht die von den Theoretikern des Postkapitalismus erwartete Dezentralisierung, sondern Macht und Kontrolle bilden den Kern des kommerziellen Internets (Dolata 2015). Dieses ist nicht nach dem Vorbild der kollaborativen Allmende (Mason 2016; Rifkin 2014), sondern entsprechend der Machtkonzentration in der Finanzindustrie strukturiert, die viel früher lernen musste, Profitakkumulation mit ökonomischer Unknappheit in Einklang zu bringen.

Hermeneutik der Geschäftsmodelle

Eine weitere strukturelle Filiation zeigt sich in der Erzeugung von Profiten durch Sekundärverwertungen der in den jeweiligen Diensten auflaufenden Daten. Das wichtigste Feld für die digitale Ökonomie ist hier die Onlinewerbung, deren globales Marktvolumen 2018 bei über 230 Milliarden US-Dollar lag (Zenith 2019) und die 2017 allein in den USA Umsätze in Höhe von 88 Milliarden Dollar generierte (PwC 2018).

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Internetwerbung weist seit 2010 jedes Jahr eine Wachstumsrate im zweistelligen Prozentbereich auf (ebd.). Prognosen zufolge wird sie im Jahr 2021 global ein Volumen von über 300 Milliarden erreichen (Zenith 2019). Die systemische Bedeutung, die die Onlinewerbung für die Gewinne der Internetkonzerne hat, kann man auch ermessen, wenn man sich beispielsweise die hundert meist besuchten Websites weltweit ansieht: Von diesen generierten bereits 2013 lediglich zwölf (darunter zum Beispiel die Wikipedia) ihre Gewinne nicht primär durch Onlinewerbung (Jin 2013). Die Internetfirmen bieten dabei spekulative Renditemöglichkeiten in Form von Werbeplätzen an. Facebooks Werbeeinnahmen beliefen sich im Jahr 2018 auf über 55 Milliarden US-Dollar (Facebook 2019), Google konnte gar Einnahmen in Höhe von 116 Milliarden Dollar verzeichnen (Alphabet 2019: 27).

Mit der Generierung von Rendite aus Sekundärverwertung setzen bedeutende Internetunternehmen wiederum auf ein Modell, das in der Finanzwelt zwar vermutlich nicht »erfunden«, aber doch immerhin zu einer tragenden Säule ausgebaut wurde. Eine zentrale Rolle in der Erfolgsgeschichte der Finanzialisierung haben Derivate gespielt (LiPuma/Lee 2004). »Derivat« ist ein Dachbegriff für eine Vielzahl von Zahlungsverträgen, die von klassischen Krediten abweichen. Hierzu zählen Techniken wie Optionen oder Futures, mit denen zukünftige Transaktionen bereits in der Gegenwart ermöglicht oder sogar festgelegt werden können. Während solche Instrumente ökonomisch oft sinnvoll und historisch schon länger bekannt sind, waren sie bis in die neunziger Jahre von untergeordneter Bedeutung. In den nuller Jahren wurden sie dann jedoch zum kapitalstärksten Geschäftsfeld der Weltwirtschaft (Arnoldi 2009).

Sekundärverwertungen und die Kapitalisierung von Zeit

Während der Wert klassischer Kredite letztendlich auf der

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Erwartung ihrer verzinsten Tilgung beruht, lässt sich mit Derivaten durch Wetten auf die Tilgungszahlungen Dritter Profit erwirtschaften. Das vom jeweiligen Unternehmen erzeugte und gehandelte Gut sind also, strukturanalog zur Onlinewerbung, die Daten anderer Nutzer – im Falle der Derivate von Kreditnehmern. Die verschiedenen Verwendungsweisen lassen sich am Beispiel einer Option leicht nachvollziehen: Optionen spielen eine wichtige Rolle in zahlreichen realwirtschaftlichen Wertschöpfungsprozessen. Klassischerweise sichern sich etwa Landwirte mit Verkaufsoptionen gegen den schwankenden Preis ihrer Erzeugnisse auf dem Weltmarkt ab, indem sie schon bei der Aussaat eine Option darauf erwerben, ihr Getreide zu einem festen Preis zu verkaufen. Allerdings können auch Investoren solche Optionen anbieten oder erwerben, die es erlauben, auf den Anstieg oder den Verfall von Getreidepreisen zu wetten. Besonders in Form der sogenannten Swaps (etwa den im Deutschen als Kreditausfallversicherungen bezeichneten Credit Default Swaps, CDS) lassen sich diese Verwertungen (aus Sicht von Anbieter und Investor) sekundärer Geschäftsfelder sogar rekursiv auf die Finanzwirtschaft selbst anwenden (Arnoldi 2009). Man kann auf die Tilgung der Schulden Dritter wetten und so Kapital akkumulieren. Allein mit einem angestiegenen ökonomischen Absicherungsbedarf (eigentliche Funktion) lässt sich das große Interesse an diesen Instrumenten jedenfalls nicht erklären.

Die makroskopische Parallele in der Orientierung auf Sekundärverwertung ist keinesfalls nur eine oberflächliche Ähnlichkeit. Vielmehr geht es bei den benannten Praktiken von Internet- und Finanzunternehmen im Kern um Wetten auf die Homogenität von Zeit (Vogl 2011). Die exorbitanten Werbegewinne von Google sind das Ergebnis eines permanent ablaufenden Auktionsprozesses, bei dem interessierte Kunden um die Platzierung ihrer Links an der Seite der Ergebnisse von häufig verwendeten Suchanfragen konkurrieren. Für ein Taxiunternehmen in Hamburg etwa ist es lukrativ, bei einer Anfrage mit den Schlüsselwörtern »Taxi« und »Hamburg« an der Spitze der Ergebnisliste zu stehen. Bei der Google-Adwords-Auktion bieten Händler von Werbeplätzen (»search engine marketers«) auf Anzeigeoptionen für Suchbegrifflisten. Der Preis einer Platzierung richtet sich nach der von Google bewerteten Nützlichkeit des zu platzierenden Hyperlinks für den Suchenden, der Häufigkeit des verwendeten Suchbegriffs und anderen Faktoren. Der Wert einer solchen Platzierung für die Kunden ergibt sich wiederum aus der erwarteten Differenz zwischen den Einnahmen durch einen erfolgreichen Seitenaufruf und den Kosten, die sie für die Anzeige aufzuwenden haben. Es handelt sich also um eine kalkulierendspekulative Anlage- bzw. Investitionslogik. Google bekommt schließlich gerade dann Geld von Kunden, wenn diese davon überzeugt sind, vergangene Klickmuster von Internetsuchern ließen sich innerhalb enger Schwankungsbreiten in die Zukunft projizieren.

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Wie Soziologinnen und Kulturwissenschaftler zeigen konnten, beruht auch die Derivatewirtschaft im Kern auf einer solchen Methodik (LiPuma/Lee 2004; Esposito 2010; Vogl 2011). Optionen, Futures etc. beispielsweise sind nur unter der Annahme überhaupt auspreisbar, dass sich Verhaltensmuster replizieren werden (vgl. Sahr 2017a). Dies ist keine akzidentelle, sondern eine essenzielle Struktur dieser Wertschöpfungsprozesse. So haben sich Derivate erst als ertragreiche Profitquelle erwiesen, nachdem sich die sogenannte Black-Scholes-Formel zur Preisberechnung in den achtziger und neunziger Jahren als allgemeiner Branchenstandard durchgesetzt hatte – eine Formel, in der die Fortsetzung vergangener Ereignisverteilungen in der Zukunft bereits impliziert ist. Aus riskanten Prognosen werden so Ablaufprotokolle der Geldvermehrung (Martin 2009: 119; siehe auch Vogl 2011: 104).

Hochfrequenzwetten

Ein genauer Blick auf die Wertschöpfungspraxis der

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Internetgiganten im Bereich der Onlinewerbung offenbart zudem eine weitere Parallele. Googles zuvor beschriebene Auktion für Werbeplätze geschieht in Echtzeit, das heißt, im Hintergrund jeder Suchanfrage eines Nutzers findet ein Auktionsmechanismus im Rahmen von Hochfrequenzwetten auf den mit der jeweiligen Anzeige zu erzielenden Gewinn statt.

Auch hier stand der Finanzmarkt Modell: Der Anteil automatisiert ausgeführter Transaktionen am Börsenhandel ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. Im Jahr 2010 machten algorithmisch veranlasste Investitionen etwa die Hälfte der US-amerikanischen Börsentransaktionen aus (Lange/Lenglet/Seyfert 2016). Die Computeralgorithmen beobachten dabei selbstständig Marktkonjunkturen und kaufen oder verkaufen Aktien oder Devisen nach zuvor festgelegten Kriterien. Automatisierte Transaktionen können zwar auch als längerfristige Investitionsprojekte angelegt sein (»systematic trading«), der Großteil erfolgt allerdings in Sekundenbruchteilen (Hochfrequenzhandel; »flash-trading«).

Der verbreitete Einsatz solcher Computertransaktionen hat großen Einfluss auf die Preisbildung und Konjunkturen der Finanzhandelsplätze (Boehmer et. al. 2015). Flash-Trading offeriert außerdem eine Profitquelle abseits des »eigentlichen« Produkts (der Schulden), weil mittels der Hochfrequenztransaktionen lediglich Zeitdifferenzen zwischen Börsenkursen kapitalisiert werden. Es wird Geld damit verdient, dass andere langsamer sind, also letztendlich mittels einer Verknappung von Zeit. Wir stoßen hier auf eine systematische Beschleunigung ökonomischer Transaktionen, die in Echtzeitmärkten für Onlinewerbung ihre strukturanaloge Entsprechung findet. »Man kann sagen«, schreiben Ann-Christina Lange, Marx Lenglet und Robert Seyfert, »dass Algorithmen heute die primären Handlungsinstanzen auf Finanzmärkten sind« (Lange/Lenglet/Seyfert 2016: 149) – ein Satz, der sich auf die Digitalökonomie übertragen lässt.

Mit der Orientierung auf die Bereitstellung einer Kundenaufmerksamkeitsarchitektur für die »restliche«

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Ökonomie (Werbung) und der Kommodifizierung von Zeit operiert die Digitalökonomie also ganz ähnlich wie die Finanzindustrie und lockt damit Investitionskapital. Auch wenn viele Primärprodukte aufgrund der Kombination von Marktkonkurrenz und marginalen Grenzkosten kaum direkt kapitalisierbar sind, bedeutet dies, anders als Theoretiker des Postkapitalismus meinen, keineswegs, dass in der Digitalökonomie keine Profite zu erwirtschaften wären.

Marktentwicklungen: Risikodistribution, Exitlogiken und die Arithmetik der Krise

Eine letzte Parallele besteht in der Praxis der Profitgenerierung durch spezifische Spekulationsgewinne im Rahmen bestimmter Investitionsstrategien und Finanzierungsstrukturen. Im Finanzsystem hat sich im ausgehenden 20. und frühen 21. Jahrhundert eine neue Wertschöpfungsarchitektur für Banken herausgebildet (Sahr 2017b). Während die Wertschöpfung traditioneller Bankensysteme darauf beruhte, tendenziell langfristige Investitionen durch lokale Kundeneinlagen zu finanzieren, wurde seit den neunziger und nuller Jahren mehr und mehr Geld durch Strukturen verdient, die gemeinhin als »Schattenbankensystem« bezeichnet werden.

Damit sind nun weniger konkrete Typen von Firmen gemeint (Investmentbanken im Gegensatz zu regulären Banken beispielsweise), als vielmehr eine Strategie der Risikofragmentierung mittels komplexer Derivatkonstruktionen. Diese besteht im Kern aus Praktiken der Kreditverbriefung (securitization), wie sie nach der Finanzkrise von 2008/09 zu notorischer Berühmtheit gelangten. Bei der Kreditverbriefung werden ganze Pools kleinerer Kredite mit unterschiedlichen Risiken zusammengefasst und in tranchierte Schuldpapiere verwandelt. »Tranchiert« bedeutet, dass diese Schuldpapiere von geringem Risiko (und potenziell geringem Ertrag) zu hohem Risiko (und hohem Ertrag) gestaffelt werden. Wer teurere Tranchen hält, wird im Fall

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eingehender Tilgungszahlungen zuerst bedient, die Käufer riskanterer, aber günstigerer Tranchen erst danach. Besonders riskante Tranchen wurden vor der Finanzkrise erneut in Pools gesammelt, ein zweites (oder drittes) Mal verbrieft und wiederum als von sicher bis unsicher gestaffelte Schulden in die ganze Welt verkauft. Diese Geschäfte waren (besonders für US-amerikanische) Banken vor allem deswegen lukrativ, weil sich für die vermeintlich sichereren Tranchen global kapitalstarke Investoren (etwa Pensionsfonds) gewinnen ließen, die sich für die Finanzierung der ursprünglichen Schuldenpools (also amerikanischer Immobilien- und Konsumkredite) nicht interessiert hätten. Sie zahlten für die Schuldpapiere viel mehr, als die Banken für die von ihnen ursprünglich vergebenen Kredite ausgeben mussten, weil die Risiken des »Endprodukts« der Verbriefung als geringer eingeschätzt wurden als das »Ausgangsmaterial«. Die Banken entwickelten sich so von Kredithaltern (das Geschäftsmodell des originate to hold) zu Kreditverkäufern (originate to distribute) und wurden motiviert, der wachsenden Nachfrage immer neue Kredite zur Verfügung zu stellen. Die Logik dieser Profitgenerierung besteht also darin, an selbst geschaffenen Risiken zu verdienen, indem man andere Kapitalgeber für diese Investments begeistert – und dann selber aus dem Zahlungsversprechen aussteigt. Nicht mehr die Zinsen einer erfolgreichen Kredittilgung sind die Quelle des Profits, sondern der rechtzeitige Exit.

Strukturähnliche Praktiken der Risikofragmentierung durch Investitionskaskaden und daraus folgender Exitorientierungen (Kühl 2002) offenbaren sich bei der Finanzierung von Technologie-Start-ups. Große Profite versprechen sich Risikokapitalgeber hier vor allem von jungen Unternehmen, denen man radikales Wachstum – einen sogenannten »hockeystick«[22] – zutraut, wie es auch den Leitunternehmen des kommerziellen Internets gelungen ist. Dabei werden ebenfalls komplexe Risikokaskaden konstruiert, deren Vor- und Nachteile für die beteiligten Anteilseigner von bestimmten Zukunftskalkulationen abhängen. Die Aufteilung von Risiken und Chancen erfolgt in Finanzierungsrunden. Die Gründung wird üblicherweise finanziert durch eine relativ geringe Kapitalmenge des Unternehmers und sogenanntes »seed money«, das in der Regel von »angel investors« stammt, die zu einem sehr frühen Zeitpunkt einsteigen. Auf dieser Grundlage wird versucht, in mehreren Runden immer neues Kapital einzuwerben, zunächst vor allem von privaten Risikokapitalgebern. Die Summen, die global in diesem Prozess bewegt werden, sind gewaltig. Zu den aktivsten Investoren zählen dabei nicht nur etablierte Fonds, wie sie die berühmte Sand Hill Road in Menlo Park säumen, sondern auch die großen Internetunternehmen selbst, Gigafonds wie Softbank und verschiedene Private-Equity-Gesellschaften.

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Ähnlich wie sich der Verkaufswert von Kreditverbriefungen nicht nach dem Umfang und dem Risiko der ursprünglichen Kredite richtet, sondern nach dem zu erwarteten (Wieder-)Verkaufserlös, richtet sich der Preis für die Anteile an Startups, die in den einzelnen Finanzierungsrunden vergeben werden, nach dem spekulativen Gewinn, der sich mit einem rechtzeitigen Verkauf erzielen lässt. Häufig ist bei den im Moment der Unternehmensgründung investierten Beträgen bereits die Erwartung eines kommenden Börsengangs (Kühl 2002) oder anderer Exits eingepreist; Investoren verlangen als Bedingung eines Engagements explizite Exitpläne, in denen Zeitpunkt und Renditehöhe, Gewinnverteilung und Risikostreuung festgehalten werden. Für Firmen ist aus dieser Perspektive ein exponentielles Wachstum des Unternehmenswertes nicht nur von Vorteil, sondern als propagiertes Ziel gewissermaßen die Bedingung, um Kapital einwerben zu können. Einerseits macht dabei nur Gewinn, wer seine Anteile rechtzeitig wieder monetarisiert. Andererseits unterliegt dieser Mechanismus einer Logik der systematischen Beschleunigung, da sich die zeitlichen Horizonte, nach denen ein Investment die erwartete Rendite erwirtschaftet haben soll, mit jeder Finanzierungsrunde verkürzen (Klingler-Vidra 2016: 694): Während Seed-Kapital üblicherweise einen Exithorizont von sieben bis zehn Jahren hat, sind es bei in späteren Runden investiertem Wachstumskapital nur noch ein bis drei Jahre (ebd.). Risikokapitalgeber denken ihr Engagement, wie ich im nächsten Kapitel zeigen werde, stets vom Ende her und heizen damit strukturell Spekulationsdynamiken an, die ökonomische Krisen auslösen oder verstärken können. Auch in der Start-up-Welt zeigt sich also eine systematische Beschleunigung kapitalistischer Akkumulationsprozesse nach dem Vorbild der Finanzmärkte.

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Das Erbe der Krise und die Krise als Erbe

Die historischen und strukturellen Filiationen zwischen Finanzund Internetökonomie sind nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial folgenreich. Insbesondere die strukturierende Wirkung privaten Risikokapitals führt dazu, dass das kommerzielle Internet zu einem bedeutenden Träger ökonomischer Risiken geworden ist. Man vergisst allzu leicht, dass sich auf diesem Markt der vorletzte große Crash der Weltwirtschaft ereignet hat. Auch heute erzeugt die Orientierung der Internetökonomie an den Finanzmärkten systemische Risiken, die über verschiedene Mechanismen zu Triebfedern sozialer Ungleichheit werden.

Exitkapitalismus revisited: Der Duft der Neunziger

So hat das kommerzielle Internet eben nicht nur das Geldverdienen vom Finanzmarkt gelernt, sondern offenbar auch dessen Risikofreude und Krisenanfälligkeit geerbt. Es liegt heute, wenn man so will, der Duft der späten neunziger Jahre in der Luft, als es in eben jenem Bereich mit der Dotcom-Blase zur »größten Spekulation in der Weltwirtschaftsgeschichte« kam (Blomert 2005: 190). Die Krisensymptome, die sich