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Digitaler Kapitalismus - Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit

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während des Aufbaus der Blase zeigten, ähneln dabei jenen, die wir in der Gegenwart in verschiedenen Bereichen beobachten können, und stehen zugleich in systematischem Zusammenhang mit der Finanzialisierung der Ökonomie. Das in der Start-up-Welt aktive Risikokapital ist dabei nur die Speerspitze einer viel weiter reichenden Bewegung, zu deren Kern gehört, dass Unternehmen selbst zu spekulativ gehandelten Gütern werden, was sich etwa daran zeigt, dass Investoren vermehrt hohe Profite mit unrentablen Firmen machen: 76 Prozent der Unternehmen, die 2017 in den USA einen Börsengang wagten, taten dies, ohne dass Investoren aus den laufenden Einnahmen einen Gewinn hätten erzielen können (Ritter 2018; Roose 2018). Dieser Wert wurde zuletzt im Jahr 2000 auf dem Höhepunkt des Dotcom-Booms übertroffen (81 Prozent). Von fünfzehn Technologieunternehmen, die zwischen Januar und Mai 2018 an die Börse gingen, wiesen lediglich drei eine positive Bilanz auf (ebd.). Das eigentliche Geschäftsmodell besteht hier darin, den Ausstieg richtig zu terminieren. Bei Börsengängen unprofitabler Unternehmen handelt es sich folglich nur um eines von vielen Symptomen für einen Markt, der auf spekulativen Erwartungen basiert und es damit ermöglicht, auch ohne nachweislich funktionierende Geschäftsmodelle enorme Gewinne in die Kassen der Risikokapitalgesellschaften zu spülen.

Spekulation als Geschäftsmodell

Für ein besseres Verständnis dieser Dynamik lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Praxis des Risikokapitals in der Start-up-Welt zu werfen. Ich habe es bereits beschrieben: Wie in den neunziger Jahren erklärt sich auch heute die Bedeutung des Risikokapitals in der Start-up-Ökonomie zunächst einmal aus der Tatsache, dass »Unternehmen in Wachstumsmärkten [...] in der Regel keinen Zugang zu Bankkrediten« haben (Kühl 2002: 197), weshalb sie auf andere Finanzierungsquellen zurückgreifen müssen. Risikokapitalfonds füllen diese Lücke

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und lassen sich (damals wie heute) in Beteiligungsverträgen große Einflussmöglichkeiten auf die Entwicklung der
Unternehmen zusichern – wenn sie sie nicht gleich selbst gründen, wie es etwa das Geschäftsmodell von Rocket Internet vorsieht, dem wohl bekanntesten deutschen
Beteiligungsunternehmen. Das Geschäft von
Risikokapitalgebern besteht jedoch nicht in der Herstellung und im Vertrieb spezifischer Produkte oder Dienstleistungen, da »für den Erfolg oder Misserfolg einer
Risikokapitalgesellschaft [...] in letzter Konsequenz [...] nur die Frage entscheidend [ist], ob die Unternehmensanteile mit einem interessanten Profit verkauft werden können« (ebd.: 201). Der Profit wird umso interessanter, je höher die
Wachstumschancen der entsprechenden Firma von den
Neuinvestoren eingeschätzt werden. Diese Einschätzung basiert wiederum auf der bisherigen Entwicklung, weshalb Start-ups im Gegensatz zu klassischen Gründungen auf
schnelles, durch Kapital gestütztes Wachstum setzen müssen. [23]

Laut Kühl diffundierte die »Exit-Logik« des Risikokapitals im Zuge des Dotcom-Booms, von den Kapitalgebern ausgehend, in alle Bereiche der Start-up-Ökonomie und wirkte sich auch auf Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Teile der Beschäftigten aus. Unternehmer hätten nur dann Risikokapital einwerben können, wenn sie kurzfristige Renditechancen glaubhaft machen konnten. So zeige sich die »Existenz der Exit-Logik unter Unternehmensgründern [...] darin [...], dass von den Gründern risikokapitalfinanzierter Unternehmen erwartet wird, den eigenen Ausstieg [...] mit in die Planung einzubeziehen« (ebd.: 202).

Beschäftigte wiederum machen sich laut Kühl diese Exitorientierung zu eigen, weil ihre Einkommen häufig direkt an erfolgreiche Exits gekoppelt sind: Da neu gegründete Unternehmen in der Regel niedrigere Löhne zahlen als etablierte Firmen, werden insbesondere hoch qualifizierte Beschäftigte mit einer guten Arbeitsmarktposition (Programmiererinnen etwa) oftmals durch Optionen auf

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Anteile an erwarteten Exitgewinnen geworben. Entsprechend ist für ihre Verdienstchancen weniger der langfristige Markterfolg ihres Arbeitgebers entscheidend als vielmehr die Frage, ob das Unternehmen in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken kann, dass sich in der Zukunft spektakuläre Wachstumsraten und entsprechende Profite erzielen lassen. Also bleiben Beschäftigte und Gründer laut Kühl häufig genau so lange an Bord, bis ihre Anteilsoptionen realisiert werden können – bzw. so lange, wie Arbeits- und Beteiligungsverträge sie daran hindern, ihre Anteile direkt zu kapitalisieren. Gerade den Gründerinnen entstehen hieraus keine Karrierenachteile, solange die gute Börsenstimmung anhält. Ganz im Gegenteil: Erfolgreiche Exits spiegeln sich in einer sozial anerkannten Erfahrungsgeschichte, die wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, Risikokapital für die nächste Gründung einzuwerben. Kühl bündelt diese Diagnose in der Proklamation eines neuen Unternehmertypus: des »seriellen Unternehmers« (ebd.: 203) – eine Bezeichnung, die in der Start-up-Welt bis heute als Beleg strategischer und ökonomischer Kompetenz gilt.

Die Profitlogik des Risikokapitals ist integral mit dem Glauben an spezifische Wachstumsmärkte verbunden. Wie heute übernahm diese Rolle in den neunziger Jahren insbesondere das kommerzielle Internet. Der Dotcom-Boom war Kühl zufolge freilich nur die seinerzeit aktuelle Zyklusphase einer in ca. Zehnjahreswellen verlaufenden Stimmungskonjunktur des Risikokapitals. Ihm voran gingen beispielsweise die Börsenblüten bei den Festplatten in den frühen und bei den PCs in den späten achtziger Jahren (ebd.: 204). In diesem Sinne begann nach der Finanzkrise von 2008 in der Digitalwirtschaft ein weiterer Zyklus des Exitkapitalismus.

In einer Hochphase können Firmenanteile genau so lange erfolgreich veräußert werden, wie der Glaube an den jeweiligen Wachstumsmarkt anhält. Geht dieser Glaube verloren, zieht sich das Kapital meist nahezu schlagartig zurück. »Damit verschlechtern sich die Möglichkeiten der noch im Markt befindlichen Anleger, ihre Anteile loszuwerden, und jeder versucht, zu noch einigermaßen vertretbaren

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Bedingungen seine Anteile zu verkaufen.« (Kühl 2002: 218) In diesem Moment platzen die Spekulationsblasen. Wer am Ende übrig bleibt, hat verloren. Wer rechtzeitig den Exit geschafft hat, dessen Kalkül ist aufgegangen. Kühl kommt daher zu dem Schluss: »Wenn man das große Wort von der
Spekulationsblase< in den Mund nehmen möchte, dann ist Risikokapital nichts anderes als ein Geschäft mit solchen >Spekulationsblasen<, die sich in Wachstumsmärkten bilden« (ebd.).

Die globalen Gravitationszentren des laufenden Risikokapitalzyklus befinden sich insbesondere in den USA und in China, aber auch in verschiedenen südostasiatischen Ländern. Deutschland ist von den beschriebenen Entwicklungen jedoch keineswegs ausgenommen. Dies belegen exemplarisch spektakuläre Investitionsrunden wie die erwähnte Investition Softbanks in das Berliner Gebrauchtwagen-Start-up Auto1.

Von Börsengängen zu Akquisitionen

Das Platzen der Dotcom-Blase wirkt rückblickend wie eine notwendige Marktbereinigung. Die profitträchtigen Felder des kommerziellen Internets (insbesondere Onlinewerbung und E-Commerce) waren in den neunziger Jahren für die meisten Unternehmen des neuen Marktes im Grunde unbekanntes Terrain. Das Platzen der Blase geht letztlich auf die Erkenntnis zahlreicher Investierender zurück, dass ein Großteil der börsengelisteten Unternehmen keine tragfähigen Geschäftsmodelle besaß. Voraussetzung der Marktbereinigung war eine spezifische Exitstrategie der Unternehmen: Das Initial Public Offering (kurz IPO), also der Börsengang, war damals das Mittel der Wahl, um die Anteile wieder zu verkaufen.

In den Genuss der Differenz zwischen Erstausgabe- und späterem Börsenpreis kamen insbesondere die Freunde und Kollegen der Broker. Arthur Levitt, der seinerzeitige Vorstand der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC, kämpfte damals dafür, dass auch das Publikum von dieser Differenz profitieren sollte (Blomert 2003). Zwar hatten neokonservative Reformen seit der Reagan-Regierung die Transparenzfunktion der amerikanischen Börsen eingeschränkt (Blomert 2005) und damit die Marktbereinigungen durch Pleiten scheiternder Aktiengesellschaften verschleppt. Insbesondere im oligopolistisch strukturierten Markt der großen Buchprüfungsgesellschaften entwickelte sich »ein interner Kodex der sogenannten kooperativen Buchprüfung mit Gefälligkeitsgutachten«, von dem die Gesellschaften durch die damit verbundenen umfangreichen Beratungshonorare systematisch profitierten (ebd.: 189). Dennoch entwich die Luft aus der Spekulationsblase, als nach Börsengängen die Zahlen der jeweiligen Unternehmen von Investorinnen genauer unter die Lupe genommen wurden.

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Bei allen beschriebenen Parallelen zur Situation der neunziger Jahre stoßen wir in der Gegenwart auf eine spezifische Methode, Investitionen durch Exits zu kapitalisieren, die einen wichtigen Unterschied markiert: Der Börsengang ist – dies gilt für Deutschland ganz ähnlich wie für die USA – heute nicht mehr das bevorzugte Mittel für ertragreiche Exits. Von 1990 bis 2000 gab es an US-Börsen annähernd 4500 IPOs – mehr als doppelt so viele wie in den darauffolgenden fünfzehn Jahren (vgl. Ritter 2018: 3). Allein 1996 gingen in den Vereinigten Staaten weit über 600 Unternehmen an die Börse, im Jahr 2016 dagegen nur 74 (ebd.). Für Deutschland sind die Zahlen ähnlich kontrastreich: Während der Hochphase des Dotcom-Booms 1997-2000 gab es hierzulande mehr als 400 Börsengänge, von 2014 bis 2017 dagegen nicht einmal vierzig (vgl. Kirchhoff 2019)

Auch meine eigenen Auswertungen von Tech-Exits weisen in diese Richtung (Staab 2018): Zwischen 2008 und 2014 sind in den von mir ausgewerteten Datenbanken für Deutschland überhaupt keine Exits von Technologie-Start-ups über IPOs aufgelistet. Von 144 Exits zwischen 2008 und 2016, über die berichtet wurde, erfolgten lediglich sechs über Börsengänge – dagegen 137 (95 Prozent) in Form von Akquisitionen und einer

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als Fusion.

Für Deutschland könnte man vermuten, dass dieser Umstand möglicherweise mit einer industrielastigen Struktur der Startup-Welt zu tun hat: Für junge Unternehmen an den Schnittstellen zum industriellen Sektor liegen Exitstrategien nahe, die von vornherein auf die Integration in größere Konzerne ausgerichtet sind. Diese These lässt sich mit den ausgewerteten Daten jedoch nicht belegen: Von den Exits zwischen 2008 und 2016 kann man lediglich 13 (also weniger als 10 Prozent) dem industriellen Sektor zuordnen. 82 oder rund 60 Prozent entfallen dagegen auf Medien, Werbung und elektronischen Handel, wobei hier eine kleine Zahl großer Unternehmen besonders häufig als Käufer in Erscheinung tritt.

Wichtig an der offenbar deutlich veränderten Exitstruktur sind die im Vergleich zu IPOs weniger rigiden Transparenzpflichten bei Zusammenschlüssen und Akquisitionen. Noch wichtiger ist, dass die Bilanzen akquirierter Start-ups keinerlei Veröffentlichungspflichten unterliegen. Man kann wohl unterstellen, dass akquirierende Unternehmen kein Interesse daran haben, Fehlakquisitionen als solche auszuweisen, da dies ihrer Reputation abträglich wäre. Hierin liegt kein strukturelles Problem, solange man davon ausgeht, dass die Mehrheit der Exitunternehmen über gut funktionierende Geschäftsmodelle verfügt oder zumindest zu Preisen akquiriert wird, die einer realistischen Bewertung entsprechen.

Mit Blick auf das im Kern auf die Kapitalisierung von Hochstimmungen gerichtete Kalkül des Risikokapitals und die Intransparenzen, die das strategische Handeln von Start-ups prägen, sind freilich genau daran Zweifel angebracht. Geht man mit Kühl davon aus, dass mit den spekulativen und risikoaffinen Kalkulationen typischer Investitionsstrukturen systemische Gefahren verbunden sind, wie sie zu Beginn der nuller Jahre im Platzen der Dotcom-Blase resultierten, ließe sich folgern, dass wir es heute mit ähnlichen Problemen, aber andersartigen Effekten zu tun haben könnten: Die Risiken der von Venture Capital geprägten Start-up-Welt werden nicht

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mehr durch realistischere Marktbewertungen getilgt, sondern verschieben sich in die wirtschaftlichen Bilanzen großer,
akquisitionsaktiver und womöglich beschäftigungsstarker Unternehmen. In der Folge wäre weniger der Finanz- als
vielmehr der Arbeitsmarkt von solchen Risiken betroffen: Nicht Anlegerinnen, die bei Börsengängen Anteile an Start-ups
erwerben, sondern Unternehmen und ihre Beschäftigten wären unter diesen Bedingungen die Leidtragenden. Die Gegenthese wäre, dass Akquisitionen das Innovationspotenzial der
erwerbenden Unternehmen steigern und damit neue
Wachstums- und Beschäftigungschancen erschließen. Entgegen dieser in der wirtschafts- und betriebswirtschaftlichen
Forschung vorherrschenden Annahme legt die aktuelle
Funktionsweise des privaten Risikokapitals jedoch eher nahe, dass in einer veränderten Form von Exitkapitalismus neue Risikogruppen entstehen. Die sich hier entfaltende
sozioökonomische Logik deutet damit, wie ich in Kapitel 6 noch ausführlicher zeigen werde, auf eine von diversen
Autoren beobachtete Tendenz zur Umverteilung
wirtschaftlichen Wohlstandes von Einkommen zu Vermögen hin. Die Profiteure eines akquisitionsdominierten
Exitkapitalismus stehen jedenfalls auf der Seite der mit der Reproduktion großer Vermögen befassten
Risikokapitalgesellschaften.

Die Beschäftigten im Exitzyklus

Risiken des Exitkalküls betreffen freilich nicht nur Beschäftigte in akquirierenden Unternehmen, sondern auch in den betreffenden Start-ups selbst. Eine erste systematische Quelle individueller Risiken ist hier die für die Start-up-Welt typische Teilsubstitution direkten Einkommens durch Unternehmensanteile. Insbesondere hoch qualifizierte Beschäftigte sind in der Technologiebranche nur zu hohen Lohnkosten zu haben, die sich viele Start-ups nicht leisten können. Solche Beschäftigten werden daher mit

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Unternehmensanteilen geködert, die zwar kein aktives Einkommen darstellen, dieses aber bei einem Exit um ein Vielfaches übertreffen können. Die Start-up-Welt ist voller Geschichten über einfache Coder, die durch eine frühe Beteiligung an einem später extrem erfolgreichen Unternehmen zu Multimillionären aufgestiegen sind. Gleichwohl verschleiern diese Selbstbeschreibungen des Feldes den Umstand, dass Beschäftigte anderen Anteilseignern in aller Regel keineswegs gleichgestellt sind. Zwar erhalten beide Parteien typischerweise wandelbare Vorzugsaktien, die zu einem festgelegten Zeitpunkt (Exit) in normale Stammaktien konvertiert werden können. Anders als Mitarbeiter (und in der Regel auch Gründer) erhalten Investoren dabei aber Ansprüche auf Anteile an den im Exit erzielten Erlösen: Ihre Vorzugsaktien sind etwa mit Renditegarantien für den Fall eines Börsengangs, mit Liquidationspräferenzen oder Senioritätsrechten gegenüber anderen Eignern ausgestattet. Je länger ein Unternehmen vor einem Exit besteht, das heißt, je mehr Finanzierungsrunden es vollzieht, desto undurchsichtiger wird der Wert der eigenen Anteile insbesondere für die Beschäftigten, wie die Ökonomen Will Gornall und Ilya Strebulaev am Feld der Einhörner zeigen (2017).[24] All dies bedeutet, um es einmal sehr einfach zu formulieren, dass mächtige Investoren zuerst bezahlt werden, wobei selbst die Höhe der jeweiligen Profite festgeschrieben werden kann. Für diese garantierten Profite müssen nicht selten andere Anteilseigner geradestehen.

Für Beschäftigte, deren Einkommen mit dem Versprechen auf zukünftige Gewinne am Kapitalmarkt substituiert werden, ist dies aus mehreren Gründen bedeutsam: Erstens verlieren ihre Anteile mit jeder Finanzierungsrunde, in der Investoren neue Privilegien erhalten, systematisch an Wert. Zweitens tragen diese Beschäftigten bei einem Wertverlust das größte Risiko. Im Fall einer Liquidation des Unternehmens – ein Schicksal, das auf mittlere Sicht die Mehrzahl der Start-ups ereilt – werden sie zudem als Letzte (also in der Regel gar nicht) aus der Konkursmasse bedient. Drittens ermitteln

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Beschäftigte den Wert ihrer Anteile in aller Regel auf der Basis der für die jeweiligen Stammaktien ausgeflaggten Kurse, was bedeutet, dass sie ihn systematisch überschätzen – mit für die eigene Lebensführung und -planung womöglich erheblichen Risiken.

Jenseits dieser in den Risikokaskaden des Felds angelegten ökonomischen Gefahren für die Beschäftigten bleibt auch die Arbeit selbst vom Exitkalkül der Kapitalseite nicht unbeeinflusst. Debatten über die Arbeitsqualität in Start-up-Unternehmen drehen sich vornehmlich um spezifische Organisationsformen von Arbeit. Konkret bezieht sich das meist auf die Gestaltungsoffenheit agiler Methoden, also das auf Teamarbeit und iterativen Produktionsprozessen basierende Organisationsparadigma der Softwareentwicklung, das laut einigen Beobachtern sowohl Möglichkeiten als auch Risiken für »gute Arbeit« birgt (Pfeiffer 2014; Boes et al. 2018). Stefan Kühl hob bereits in den neunziger Jahren hervor, dass organisationspraktische Aspekte wie der Abschied von der »Face-to-face-Interaktion« in rasant wachsenden Unternehmen sich auf das Arbeitsklima in Start-ups auswirken.

Ob spezifische Organisationsformen heute eher im Sinne der Autonomie der Beschäftigten oder zur Erhöhung des Arbeitsdrucks eingesetzt werden, hängt freilich nicht nur vom Wachstum der jeweiligen Unternehmen und entsprechenden Restrukturierungen ab. Vielmehr greifen auch hier die Kalküle des Risikokapitals. Meine Unternehmensfallstudien in der Berliner Start-up-Szene legen nahe, dass die jeweiligen Exitziele der Investorinnen und Unternehmer erheblichen Einfluss auf organisatorische Restrukturierungen haben können. Gerade die in diesem Bereich dominante agile Organisation ist wegen ihrer Flexibilität dafür prädestiniert, auch gegen die Interessen der Beschäftigten regelmäßig neuen Anforderungen angepasst zu werden. Ein empirisches Beispiel aus meiner eigenen Forschung veranschaulicht diesen Punkt: Das betreffende Softwareunternehmen warb in seiner zweiten Finanzierungsrunde Risikokapital in Millionenhöhe ein, das es zunächst in die Weiterentwicklung des eigenen Produkts und in die Kundenakquise investierte. Als der avisierte Exittermin näherrückte, zeigten sich erste Risse: Die Software funktionierte schlicht nicht zufriedenstellend. Die Entwicklungsabteilung meldete das ans Management, das jedoch den mit den Investoren abgesprochenen Termin einhalten wollte. Also erhöhte das Management den Arbeitsdruck in der Entwicklungsabteilung, während im Vertrieb ständig neue Kundenbeschwerden aufliefen, die nur noch vordergründig bearbeitet wurden, weil das zentrale Ziel der Geschäftsführung darin bestand, den Kundenstamm auszubauen oder zumindest konstant zu halten. Bei den Programmierern war der Frust bald so groß, dass sie geschlossen das Unternehmen verließen. Von diesem Moment an verwandelte sich das Start-up endgültig in eine Art Callcenter: Alle Anstrengung floss in das Erhalten des Kundenstamms, von dem sich Gründer und Investoren einen guten Exitpreis versprachen. Chaosmanagement dominierte den Betriebsalltag, die Arbeitszeiten der verbliebenen Beschäftigten wurden immer länger. Ein ehemaliger Beschäftigter beschreibt dies so:

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Die Probleme wuchsen, aber man hat sich dann mehr und mehr vom Management her auf die Entwicklung der neuen Customer Area konzentriert. [Es gab] wirklich dauernd Stress. Weil, den Kunden wurde eine sofortige Löschung der Dubletten versprochen, und so haben es ja auch unsere Seller verkauft, weil die wussten es nicht anders. [...] Also saß ich zum Teil drei, vier Stunden einfach nur da, habe mich durch Verzeichnisse geklickt, Dubletten gesammelt, die dann später an Operations geschickt, und diese wurden dann gelöscht. Manuell! (Staab 2018: 226)

Alles wird dem avisierten Exittermin untergeordnet, die Arbeitsqualität leidet. Die Unternehmenstransformation ist dabei irgendwann nur noch auf jene Zahlen ausgerichtet, die für den Firmenwert beim Exit relevant sind, in diesem Fall die Größe des Kundenstamms. Die Arbeit am hochgradig mangelhaften Produkt wurde praktisch eingestellt.

In der Logik des Risikokapitals war dies nur konsequent: Das entscheidende Produkt war nie die betreffende Software, sondern die Unternehmensanteile, deren Wert sich wiederum allein aus den über spezifische Kennzahlen erzeugten Erwartungen ergab. Im geschilderten Fall ging dieses Kalkül tatsächlich auf: Der Exit wurde zum Erfolg, die Firma für einen zweistelligen Millionenbetrag verkauft. Der Käufer liquidierte das Unternehmen etwa ein Jahr später. Der Kommentar eines erfahrenen Gründers mag als Hinweis darauf dienen, dass es sich zwar um ein extremes, aber keinesfalls jenseits der Regel stehendes Beispiel handelt: